Dr. René Paasch: Soziale Kompetenzen im Fußball fördern!

Kaum ein Begriff ist im Fußball so sehr aufgeladen wie die soziale Kompetenz. Und nicht selten wird soziale Kompetenz von Trainern und Teammanagern gar als ein wichtiges Verpflichtungskriterium genannt, gleichbedeutend mit einer Art Persönlichkeitskompetenz in Teamsportarten. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung machen sogenannte Soft Skills, und damit eben auch die Sozialkompetenz, rund 40 Prozent des beruflichen Erfolgs aus. Wäre dies auch auf dem Fußball übertragbar? Spannende Idee und Fragestellung. Welche konkreten Fertigkeiten betreffen nun aber den Fußball?

Zum Thema: Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenz im Fußball

Denken wir an einen spielentscheidenden Fehler eines Torhüters. Wie sollte daraufhin die Reaktion eines Trainers oder der Mitspieler aussehen? Zunächst einmal sollten Sie die Geschehnisse in geeigneter Weise in die Kommunikation und Interaktion einfügen. Wichtig: Prinzipiell sind alle Umstände des Handelns im Sport, d.h. für Beratungs- und Beurteilungssituationen sowie für Anstöße des Lernens gleichermaßen, von dieser Kommunikationssituation abhängig. Diese komplexen Verflechtungen können dabei sehr gut anhand des Modells der Themenzentrierten Interaktion (TZI) von Ruth Cohn (1983) untersucht und verstanden werden. Das Modell zeigt, dass das ES (Inhalt/Thema), WIR (Trainer und Gruppe) und ICH (die einzelne Person) sowie der GLOBE (gesamter Kontext, Trainingsumfeld) für die Schaffung erfolgreicher und ertragreicher Begegnungen und Auseinandersetzungen mit dem Lernen in eine optimale Balance gebracht werden müssen.

Philipp Lahm besitzt eine hohe Sozialkompetenz, die sich positiv auf unsere Mannschaft auswirkt!

Ottmar Hitzfeld, Trainer FC Bayern München, August 2007

Natürlich ist klar, dass dieser Anspruch nicht in jeder beliebigen Lage erfüllt werden kann. Allen voran Trainer müssen ein Gespür dafür haben, in welchen Momenten, zu welchen Anlässen und in welcher Form sie didaktisch oder pädagogisch agieren sollten. Unterschiedliche Personen, Umstände, Abläufe und Situationen müssen daher mit größtmöglicher Empathie und Aufmerksamkeit perzipiert werden. Die Reaktion und das Handeln muss daran angemessen und rechtzeitig erfolgen. Dies ist allerdings wegen des ständigen zeitlichen und Entscheidungsdrucks sowie der Komplexität leichter gesagt als getan und kann leicht überwältigend wirken. Aus diesem Grund sollten sich Trainer vor allem auf ihre innere Stimme verlassen, im richtigen Moment intuitiv handeln und sich außerdem seiner eigenen Begrenztheit bewusst werden, um mit solchen Situationen, wie einem klaren Torwartfehler, angemessen umgehen zu können.

Soziale Kompetenz und Taktik

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Kommen wir zurück zur Kernfrage: Warum ist die soziale Kompetenz im Fußball so wichtig? Weil wir es im Sport mit Menschen zu tun haben, die in einer Struktur (Mannschaft) im besten Sinne miteinander interagieren sollen. Machen wir es konkret: Auch zur Entwicklung und Umsetzung von taktischen Vorgaben brauchen Sportler soziale Kompetenzen: Entscheidungsfreiheit, Perspektivübernahme, Konfliktfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, soziale Verantwortung, Kompromissbereitschaft, Willensstärke, Emotionale Stabilität.

Glauben Sie wirklich, dass sich diese Eigenschaften wie von selbst entwickeln? Wie soll ein Spieler, der im Team nicht anerkannt ist, wenig Selbstbewusstsein mitbringt und in jüngerer Vergangenheit ein Misserfolgserlebnis ans andere gereiht hat, bei einer Einwechslung kurz vor Schluss seine optimale Leistungsfähigkeit erreichen? Und stellen wir uns das im Setting eines Abstiegskampfes vor! Hier wird deutlich, dass es nicht damit getan ist, den Spielern taktische Anweisungen auf den Weg zu geben und die Akteure dann daran zu messen. Vielmehr muss eine Atmosphäre geschaffen werden, dass der Einzelne sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren kann, ohne die angedeuteten Nebenkriegsschauplätze im Hinterkopf zu haben.   

Fehlende Grundlage

Kürzlich habe ich eine Studie gelesen, nach der Profifußballer im Vergleich zu Führungskräften in der Wirtschaft zwar eine höhere Disziplin und ein stärkeres Engagement aufweisen, allerdings hinsichtlich der Kooperation und Sozialkompetenz schlechter abschneiden als erfolgreiche Unternehmer. Das Ergebnis kommt nicht von ungefähr: Denn wo wird soziale Kompetenz schon trainiert?

Keine Frage, der primäre Ort zum Erlernen sozialer Kompetenz ist traditionell die Familie. Doch mittlerweile sind es auch die Kítas, Schulen und die Vereine. Vereine insbesondere dann, wenn Kinder und Jugendliche bereits in jungen Jahren in Internaten wohnen oder häufiger mit ihrem Trainer und Mitspielern reden als mit ihren Eltern. Die Entwicklung und das Vorleben der sozialen Kompetenz muss in den Vereinen aus meiner Sicht möglichst frühzeitig beginnen, wenn es erfolgreich sein soll. Nur durch Akzeptanz, menschlicher Würde und festen Rahmenbedingungen sowie dem Lernen anhand selbst erlebter Beispiele im Sport können sich diese Dinge einstellen.

Fazit

Mag sein, dass in Nachwuchsleistungszentren tolle Konzepte hinsichtlich der Entwicklung sozialer Kompetenzen geschrieben werden. Doch zeigen Sie mir ein Beispiel, wo aus dem Wunsch Wirklichkeit wird? Bei welchem Spieler steht das Thema soziale Kompetenz im ohnehin bis auf die letzte Viertelstunde ausgereizten Stundenplan?

Ansätze gebe es viele, das Thema für kritische junge Menschen und auch deren Trainer halbwegs “snackable” und praxisnah zu verpacken. Denn letztlich kommt es für uns Sportpsychologen und guten Mentaltrainer auch immer darauf an, dass wir unsere Dienstleistung bestmöglich verkaufen. Auf Basis von Schlagwörtern wie autonomes Lernen, offenes Lernen, Kreativität fördern, Wachsen mit Würde und Werten oder optimale Kommunikation im Training und Wettkampf sollte es uns aber gelingen, dass wir sowohl Spieler, Trainer und NLZ-Verantwortliche am Ende überzeugen, dass die Entwicklung von sozialer Kompetenz wirklich erstrebenswert ist.

Extra:

Wer sich als Spieler, Trainer, NLZ-Mitarbeiter oder Elternteil in das Thema etwas stärker einlesen möchte, dem habe ich hier geordnet nach Schlagwörtern eine kleine Linkliste zusammengestellt. Ich bin überzeugt, dass wir es zusammen hinbekommen können, das Thema soziale Kompetenz im Fußball voranzutreiben.

Wenn Sie konkrete Fragen haben, nehmen Sie gern zu meinen Kollegen in ihrer Nähe (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Dr. René Paasch) auf.

Im Umgang mit sich selbst: Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Wertschätzung, Würde, Potentialentfaltung

Selbstwirksamkeit: Selbstvertrauen, Selbstbeobachtung, Eigenverantwortung, Kompetenzerwartung (Team vs. Selbst)

Im Umgang mit Anderen: Würde, Anerkennung, Empathie (Mitgefühl bzw. Einfühlungsvermögen) Menschenkenntnis, Kritikfähigkeit, Wahrnehmung, Selbstdisziplin, Toleranz, Respekt, Sprachkompetenz, Interkulturelle Kompetenz, Perspektivenübernahme

Zusammenarbeit: Teamfähigkeit, Kooperation, Motivation, Konfliktfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit

Führungsqualitäten: Verantwortung, Flexibilität, Konsequenz, Vertrauen, Vorbildfunktion, positive Fehlerkultur

Im Allgemeinen: Emotionale Intelligenz und Engagement

Literatur

Hossiep, R. & Krüger, C. (2012). Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung –6 Faktoren (BIP-6F). Manual. Göttingen: Hogrefe.

Goelden, M. & Brast, C. (2012). Forschung: Berufsbezogene Persönlichkeitsmerkmale von Spitzensportlern. In U. P. Kanning & H. Kempermann (Hrsg.), Fallbuch BIP (S. 171-190). Göttingen: Hogrefe.

Barrick, M. R., Mount, M. K., & Judge, T. A. (2001). Personality and performance at the beginning of the new millennium: What do we know and where do we go next? International Journal of Selection and assessment, 9(1‐2), 9-30.

Schmidt, S. L., Saller, T. (2013). ‚Kollege Spitzensportler‘. Chancen für Wirtschaft und Athleten. ISBS Research Series, 6, 1-24

Internet

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