Ole Fischer: Der ist doch übermotiviert!

Ein Sportler versagt und schnell kommt die Aussage von Journalisten oder Fans: „Der war ja sowas von übermotiviert.“ Doch, ist das eigentlich möglich? Kann man zu viel Motivation besitzen? Und wenn nicht, welches Phänomen meinen die Kommentatoren und Zuschauer zu erkennen?

Zum Thema: Die Rolle der Aktivierung im sportlichen Wettkampf

Wenn Sie, lieber Leser, die Augen schließen und sich eine bestimmte Sportart mit einem übermotivierten Athleten vorstellen, haben Sie wahrscheinlich auch umgehend ein Bild im Kopf.

Auffallend scheint, dass häufig schon zu Beginn eines Sportereignisses vom Publikum wahrgenommen wird, dass heute irgendetwas anders ist. Der Athlet scheint oft besonders intensiv zu agieren. Ein Fußballer steigt ruppig in Zweikämpfe ein, ein Sprinter begeht einen Fehlstart, ein Rennfahrer fährt besonders aggressiv auf.

Motivation vs. Aktivierung

Der Begriff Motivation wird im Duden als „die Gesamtheit der Beweggründe, die eine Entscheidung/Handlung o.Ä. beeinflussen“ definiert. Ist das beschriebene „übermotivierte“ Verhalten also eine zu große Menge an Einflüssen, die das Individuum dazu bringt, die eigene Leistung nicht wie gewohnt abzuliefern? Die Antwort lautet: Nein! Ein Überangebot an Motivation ist kein Faktor für eine instabile Performance.

Allerdings spielt die Bedeutungszuschreibung der einzelnen motivationalen Faktoren eine erhebliche Rolle. Nehmen Sportler eine Herausforderung als Bedrohung wahr, kann es zur übermäßigen Aktivierung kommen. Dies geschieht, beispielsweise wenn man das Gefühl besitzt, über den Ausgang des Wettbewerbs keine Kontrolle zu haben. In diesem Fall ist das Erregungslevel der Person nicht mehr in den sportpsychologisch-optimalen Bereichen:

Nimmt man es ganz genau, sind Athleten also überaktiviert und nicht übermotiviert.

Zur Profilseite von Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Was passiert bei einem zu hohen Level an Aktivierung?

Um die Vorgänge im Falle einer übermäßigen Aktivierung zu verstehen, versetzen wir uns in den Entscheidungsprozess eines Sportlers hinein. Beispielsweise: Ein Schwimmer steht am Startblock, er weiß, wenn er seinen normalen Rhythmus aufnimmt, schafft er die Strecke mit genug Reserven für einen starken Schlussspurt und kann somit zeitmäßig wohl das Podium erreichen. So hat er trainiert. Er plant also seine Handlung (Schwimmen im trainierten Rhythmus), vergleicht sie mit seinem Erwartungswert (reicht für Podium) und beginnt mit der Umsetzung der Handlung.

Nimmt der Schwimmer sich nun vor, Erster zu werden, liegt der Erwartungswert (reicht für Podium) unterhalb des Zielwerts (Goldmedaille). So kann es vorkommen, dass sich der Handlungsplan ändert (Schwimmen in höherer Frequenz als trainiert) und dem Schwimmer nach gutem Start die Luft ausgeht. Die Regulatoren und Kontrollmechanismen zum Einschätzen der eigenen Leistungserwartung funktionieren demnach nicht wie gewohnt.

Aus dem Flow

Das Beispiel des Schwimmers ist nur ein mögliches Szenario, wie sich ein überaktiviertes Handeln beschreiben lässt. Fakt ist: Bei den „übermotivierten“ Aktionen greifen häufig die Kontrollinstanzen im Gehirn der Sportler nicht. Sie begehen Fehler, da sie die Auswirkung ihres Handelns nicht korrekt abschätzen können. Der FLOW (engl.: Fluss), in dem sie sich normalerweise bewegen, ist gestört.

Gerade im Wettkampf ist der Druck oft hoch und der Sportler ist geneigt, die nötige Vorsicht außen vor zu lassen. Da Spitzensportler immer am oberen Ende ihrer Leistungsfähigkeit agieren, ist eine Überschreitung dieser Grenze leichter als man denkt. Wichtig ist es, diese Leistungsgrenzen für sich selbst im Training auszuloten, damit man weiß, wozu der Körper in der Lage ist. Dies geschieht in der Sportpsychologie u.a. durch Training der sogenannten Kompetenzerwartung in der Form von Zielsetzungstraining, Trainings, in denen man Situationen simuliert, die nicht wiederholbar sind und Prognosetraining.

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