Dr. Tom Kossak: “Die Chirurgie ist für mich wie eine eigene Sportdisziplin”

Dr. Tom Kossak

Dass die Sportpsychologie auch abseits von Spielfeldern, Laufbahnen und Schanzentürmen sinnvoll sein kann, ist kein großes Geheimnis. Wie intensiv auch sportferne Berufsgruppen von sportpsychologischem Fachwissen profitieren können, macht aktuell Dr. Tom Kossak deutlich. Der Münchner Sportpsychologe arbeitet unter anderem mit Chirurgen des Rotkreuzklinikums München. Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, wollte zu dieser Kooperation mehr wissen.   

Dr. Tom Kossak, worin unterscheiden sich in der sportpsychologischen Zusammenarbeit Ärzte von Spitzensportlern?

Auch wenn es viele inhaltliche Gemeinsamkeiten gibt, unterscheidet sich meine Arbeit mit Ärzten auch deutlich vom Spitzensport: Ein Unterschied liegt beispielsweise in der Erfolgsorientierung. Ein Chirurg geht davon aus, dass die Operation gut verlaufen wird. Für den Arzt ist der Erfolg also Normalität – das prägt sein Selbstverständnis. Umso schwerer wiegt der Misserfolg mit seinen Konsequenzen. Ein weiterer Unterschied liegt in der Art der Verantwortung. Sportler, besonders in Individualsportarten, sind nur für sich selbst verantwortlich, während ein Arzt die Verantwortung für die Operation und die Gesundheit seiner Patienten übernimmt. Im Vergleich zu den oft jungen Sportlern bringen Ärzte darüber hinaus meist mehr Lebenserfahrung und damit die Fähigkeit zur Selbstreflektion mit. Das hilft, das mentale Training schneller auf den Arbeitsalltag zu transferieren.

Auch für mich als Sportpsychologen unterscheidet sich die Struktur der Arbeit. Während die Mitarbeiter eines Klinikums meist kontinuierlich vor Ort sind, sodass regelmäßige Termine möglich sind, bedeutet die Arbeit im Spitzensport für mich in der Regel viel Reiseaufwand. Dazu kommt, dass nicht in jedem Trainingslager immer alle Sportler dabei sind, so dass hier viel Koordination notwendig ist um kontinuierlich und nachhaltig zu arbeiten.

Inwiefern war es für Sie schwierig, sich in dieses andere Arbeitsfeld hineinzudenken? Oft haben Sportpsychologen ja auch eigene sportliche Erfahrungen, die es ermöglichen, die gleiche “Sprache” mit dem Gegenüber zu sprechen?

Ich sehe die Chirurgie wie eine eigene Sportdisziplin. Seit einem Jahr arbeite ich z.B. in einem spannenden Projekt im Motorsport. Auch dort hatte ich bis zu meinem ersten Engagement keine Erfahrung und musste lernen, mich in diesem Feld zu bewegen. Für mich ist eine der wichtigsten Voraussetzungen des Sportpsychologen, neugierig zu sein und die Disziplin kennenlernen zu wollen, und zwar mit ihren Regeln und Menschen. Dabei erlebe ich es oft sogar als Vorteil, sich in einer Disziplin noch nicht so gut auszukennen. So lassen sich Potentiale und blinde Flecken noch besser entdecken.

In welchen sportfernen Arbeitsbereichen, vielleicht auch ungewöhnlichen, sehen Sie Potential für sportpsychologische Expertise?

Mit meinen Kollegen von Sportpsychologie München (www.sportpsychologie-muc.de) hatte ich das Glück, in den vergangenen Jahren Einblicke in ganz verschiedene Branchen erhalten zu dürfen. Die Sportpsychologie kann dabei mit ihrer „Performance-Orientierung“ Menschen aus anderen Disziplinen und Arbeitsbereichen helfen, eigene Potentiale abzurufen. In den letzten Jahren haben wir, neben der Arbeit mit Chirurgen, z.B. auch Mitarbeiter und Führungskräfte von verschiedenen Wirtschaftsunternehmen gecoacht oder mit Opernsängern und Musikern gearbeitet. Unter dem Motto „Performing under Pressure“ haben wir unsere Erfahrungen aus diesen Projekten in einem strukturierten Programm zusammengefasst. In Vorträgen, Workshops und Coachings unterstützen wir damit nun alle interessierten Berufsgruppen, die unter Druck Höchstleistung abrufen müssen und dabei psychisch gesund bleiben möchten.

Wie hat die bisherige Arbeit am Rotkreuzklinikum München Ihre Arbeit verändert?

Die Tätigkeit im Rotkreuzklinikum (www.rotkreuzklinikum-muenchen.de) unter der Leitung von Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Thasler ist für mich insofern spannend, weil sie meinen Blick auf Krankenhäuser allgemein und die Arbeit von Medizinern verändert hat. In der Tätigkeit als Sportpsychologe komme ich mit Ärzten meist aus Patientensicht in Kontakt. Verletzt sich ein von mir betreuter Sportler, schicken wir ihn zum Arzt und gehen davon aus, dass die Verletzung erfolgreich behandelt wird. Dass Ärzte aber unter enormem Druck stehen, um das bestmögliche Ergebnis für ihren Patienten zu erzielen ist ein neuer Blickwinkel. Es ist schön, dass ich durch die Arbeit mit den Medizinern einen Beitrag leisten kann, um Operationen zu verbessern und Chirurgen zu helfen, die wiederum Menschenleben retten.

Welche Herausforderungen stehen Ihnen als Sportpsychologe in der zweiten Jahreshälfte bevor?

Bislang habe ich mit den Ärzten des Rotkreuzklinikums intensiv an den mentalen Bildern von chirurgischen Bewegungsabläufen gearbeitet. Ein spezieller Simulator hilft uns dabei einfache standardisierte Übungen sowohl mental als auch am Simulator zu trainieren. Auf diese Weise können wir den Erfolg des Trainings sehr gut evaluieren. Gerade für minimalinvasive Eingriffen erweisen sich solche Lernmethoden als wichtig, weil so alles außerhalb des Operationssaals ausprobiert und durchdacht werden kann. Im zweiten Halbjahr wollen wir uns verstärkt dem Umgang mit Druck und Belastungen im chirurgischen Praxisalltag widmen. Dabei werden wir darauf eingehen, wie sich die Mediziner mental noch besser auf Operationen vorbereiten können, wie sie im OP auch bei langen Operationen die Konzentration halten können und wir besprechen Strategien, die im Umgang mit Misserfolgen helfen sollen.

Im Sport bin ich im Kopf schon wieder im Winter – schließlich ist die Wintersportsaison schneller da als man denkt. Mit dem Race-Team der Snowboardnationalmannschaft habe ich eine neue Weltcupmannschaft übernommen und auch diese Saison werde ich wieder für den Deutschen Ski Verbandes im Ski Alpin und den Deutschen Eishockeybundes unterwegs sein.

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