Feature: Nur nicht die Kontrolle verlieren

Wenn Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland das zweite Gruppenspiel gegen Schweden verliert, würde das Team von Joachim Löw Geschichte schreiben: Noch nie ist eine deutsche Mannschaft in der Vorrunde ausgeschieden. Vor dieser Drohkulisse könnten manch andere Themen in den Hintergrund geraten – aber nicht mit uns! Wir haben den drohenden Kontrollverlust auf die Agenda geschrieben. Denn der droht nicht Mesut Özil, Ilkay Gündogan, sondern auch vielen Abwehrspielern und allen Akteuren, die in Wolgograd auflaufen. Aber der Reihe nach.

Worst-Case-Szenario – Wenn Zehntausende Özil und Gündogan auspfeifen

Wollen wir mal ein bisschen Schwarzmalen? Dann halten die über die politische Binnenlage in Deutschland ordentlich informierten schwedischen Fans zum zweiten WM-Gruppenspiel kräftig den Finger in die Wunde. Bei jedem Ballkontakt von Mesut Özil und/oder Ilkay Gündogan – es gebe reichlich sportliche Gründe, beide zu bringen – schallen gellende Pfiffe durch das Olympiastadion von Sotschi. So laut, dass Mesut Özil sie selbst dann noch hören könnte, würde er seine Kopfhörer tragen.

Aber wir von Die Sportpsychologen kommen ja lieber von der konstruktiven Flanke und gehen davon aus, dass beide Nationalspieler gut auf alles Erdenkliche vorbereitet sind beziehungsweise sich haben vorbereitet lassen. Denn es gibt Strategien, die auch in Extremsituationen greifen. Extremsituationen wie sie nicht nur Özil, Gündogan, sondern auch Timo Werner (#Schwalbe) kennengelernt haben, und die auch Spielern von Babelsberg 03 beim Auswärtsauftritt in Cottbus oder den Kickern zweier rivalisierender Nachbardorfvereine nicht fremd sind. Dr. René Paasch (zum Profil), unser Mann für allgemeine Extreme, erklärt:

“Gut anwendbar ist die kognitive Umstrukturierung. Sie zielt darauf ab, belastende Denkmuster aufzudecken, umzustrukturieren und problembezogene Lösungsansätze anzuschließen. Ellis hat dazu die Rational-Emotive Therapie entwickelt:

A (Activating event/experiences) – auslösendes Ereignis, das ein äußeres Ereignis sein kann, wie die öffentlichen Beleidigungen gegenüber Özil und Gündogan

B (Beliefs) – Bewertung in Form eines irrationalen Denkmusters, „Meine Herkunft und politische Ausrichtung führt zu dauerhaften Pfiffen in den Stadien und mindert die Leistungsfähigkeit unserer Mannschaft.“

C (Consequences) – Konsequenz in Form negativer Gefühle, wie fehlende Körpersprache, Einsatzwille,  Niedergeschlagenheit, Wut und schlechte Leistungen.”

Richtig effektiv und praxisrelevant wird die Anwendung durch eine Erweiterung, weiß Paasch. Unser Profilinhaber aus Essen hofft in diesem Zusammenhang, dass die Betroffenen hinter den Kulissen ausreichend offen sind und sich die verfügbare Hilfe, die der DFB mit dem Teampsychologen Dr. Hans-Dieter Hermann bietet, organisiert haben:

“Ellis hat seinem Modell die Interventionspunkte D (Dispute) und E (Effect) hinzugefügt. D steht für das Hinterfragen der Bewertung und E für das Erleben neuer positiver Erfahrungen. Wenn sich Özil und Gündogan ihrer ungünstigen Bewertung (B) bewusst werden, können sie diese hinterfragen (D) und neue Erfahrungen (E) machen. In einem offenen Gespräch mit den beiden Sportlern, werden die Annahmen auf ihre Logik und ihren Realitätsbezug hinterfragt – mit dem Ziel, einen Perspektivwechsel und die Selbsterkenntnis zu fördern.”

Mit einem Aufmerksamkeitsplan gegen Hass und Idiotie

Richtig froh sind wir von Die Sportpsychologen, dass sich so manches Worst-Case-Szenario bei der Fußball-WM bislang noch nicht eingestellt hat. Vor dem WM waren allen voran bei den Länderspielen der Russen immer wieder Affenlaute gegen gegnerische Spieler mit dunkler Hautfarbe zu vernehmen. Während der WM-Endrunde sind uns solche verbalen Gewaltattacken noch nicht zu Ohren gekommen.

Für alle diejenigen Sportler, die eine solche Extremsituation irgendwo auf der Welt erfahren und die Kontrolle behalten wollen, gibt es ebenfalls Abhilfe. Markus Gretz berichtet davon, dass betroffene Sportler in solchen Situationen starke negative Emotionen wie Wut, Trauer und sogar Aggressionen spüren. Diese können die Aufmerksamkeit weg vom Spiel lenken und somit auch die sportliche Leistung beeinträchtigen. Markus Gretz (zum Profil):

“Spieler sollten sich auf solche Situationen vorbereiten und einen Aufmerksamkeitsplan erarbeiten. Dabei überlegt sich ein Spieler genau, was seine Aufgaben auf dem Spielfeld sind und worauf er seine Aufmerksamkeit richten sollte. Der richtige Fokus kann durch eingeübte Rituale oft noch leichter wiedergefunden werden. Es kann außerdem versucht werden, die Energie der negativen Emotionen für sich zu nutzen, indem der Spieler mit einer jetzt-erst-recht-Einstellung weiterspielt. Diese Techniken sind natürlich besonders wirksam, wenn sie vorher schon mehrfach geübt oder zumindest mental trainiert wurden.”

Wie Coolness den Kontrollverlust und sogar Eigentore verhindern kann

Die WM ist bislang auch ein Turnier der Eigentore. Am härtestes traf es vielleicht Aziz Bouhaddouz aus Marokko. Im Auftaktmatch gegen den Iran sorgte er für den 1:0-Siegtreffer. Aber eben auf der falschen Seite… Das Entsetzen war dem Spieler des Zweitligisten FC St. Pauli anzusehen und Johanna Constantini hat mitgelitten. Aber sie weiß auch um viele Strategien, wie Defensivspieler sich optimal auf den Ernstfall vorbereiten können. Einfacher Tipp: Wirklich cool bleiben. Trotz aller Aufregung gehe es darum, dass sich die Spieler auf ihre eigenen Stärken besinnen, um so das Beste aus dem produzierten Adrenalin herausholen zu können. Johanna Constantini (zum Profil):

Johanna Constantini, die-sportpsychologen.at

Meine Kollegen an ich arbeiten stetig an den Ressourcen der AthletInnen. „Mein Stärkekoffer“ oder „Die Ressourcenschale“ sind nur zwei von vielen Übungen in diesem Bereich, die wirklich gut anwendbar sind, wenn die Sportler sich darauf einlassen.”

Hart, härter, Mücken

Aber selbst die Mentalisten unter den Fußball-Profis stehen bei der WM in Russland von einer Mammutaufgabe. Zumindest diejenigen, die in Wolgograd antreten müssen. Rund um den namensgebenden Fluss der WM-Stadt hat sich nämlich eine Mückenplage ausgebreitet, unter der die Spieler offensichtlich leiden. Wir haben mit Jürgen Walter (zum Profil) einen unserer erfahrensten Experten um einen Lösungsvorschlag gebeten:

“Love it, change it or leave it! Die Bedingungen sind für alle Spieler gleich. Vermutlich ist der Torhüter noch am meisten betroffen, denn wenn ein Spieler in Bewegung ist, wird er die Mücken nicht spüren. Ein – auch mental – austrainierter Fußballprofi sollte daher in der Lage sein, alle störenden Außenreize, die nicht direkt seine körperliche Leistungsfähigkeit wie z.B. Temperatur oder Luftfeuchtigkeit beeinflussen, auszublenden und sich dadurch nicht in seiner Leistung beeinflussen lassen. Dazu gehören eben auch Mücken.”

Auch Humor könnte dem Einzelnen ein wenig helfen: “Die mögen mich! Ich bin ein Guter!” Oder für Cristiano Ronaldo: “Ich bin der Beste. Was wollt ihr bei den anderen?”

Wie Özil und Gündogan selbstständig die Symptome lindern und die Kontrolle zurückerlangen können

Bei all der guten Laune, die Jürgen Walter verbreitet, wollen wir uns zum Schluss aber noch einmal um die deutschen Sorgenkinder Özil und Gündogan kümmern. Ober besser gesagt: Dr. René Paasch wünscht sich, dass unsere Kicker, die sich mit dem unfreiwilligen Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan in die Nesseln gesetzt haben, vom Trainerstab und den Mitspielern aufgefangen worden sind. Denn positive Bestärkungen und Hilfen können intern effektiv im Sinne des Copings wirken. Dr. René Paasch (zum Profil):

“Bei problemorientiertem Coping zielt das Verhalten auf die Lösung des Problems, bei emotionsorientiertem Coping (Schwarzer, 1993) zielt das Verhalten auf die Linderung der Symptome. Die wichtigsten Hilfsmittel sind die positive Bekräftigung, Hilfestellung, Vereinfachung und eine angstfreie und klare Kommunikation (Bandura, 2006; Baumann, 2015; Boisen, 1975) sowie naive Bewältigungsstrategien, die  den Stress mindern können (Alfermann & Stoll, 2007).“

Näheres dazu: http://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/04/dr-rene-paasch-unter-stress-leistung-bringen/.  Ein weiterer wichtiger Punkt, um mit schwierigen Momenten umzugehen, ist die Fürsorge und Empathie des Trainers. Diesbezüglich: http://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/12/dr-rene-paasch-empathiefaehigkeit-fuer-trainer/

 

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