Feature: Dank der WM zum besseren Kicker werden

Die Fußball-Weltmeisterschaft und ihre umfassende mediale Präsenz kann für ambitionierte Nachwuchsspieler oder Freizeitkicker extrem lehrreich sein. Die Rede ist nicht von den neuesten Trends in Sachen Schuhfarbe oder dem bewussten Treten auf die Füße des Gegners, sondern es geht um die Beobachtung psychologischer Vorgänge auf dem Platz. Hier bietet jedes einzelne WM-Spiel viele Ansätze. Nehmt euch also alle Zeit der Welt…

Zum Thema: Fremdbeobachtung als Schlüssel für psychologische Vorgänge

Viele psychologische Vorgänge laufen unbewusst ab. Die Bewusstmachung dieser Vorgänge ist der erste Schritt, darauf Einfluss zu nehmen. Ein wichtiger Ansatz des sportpsychologischen Trainings ist es, über Selbstbeobachtung zu Selbststeuerung zu kommen.

Ein Beispiel: Durch Beobachtung und Reflexion deines Erlebens und Verhaltens vor und während deiner vergangenen Spiele bekommst du eine Idee davon, wie du drauf sein musst, um deine optimale Leistung abzurufen. Beim nächsten Match versuchst du, die relevanten Bereiche durchzuchecken, um dein aktuelles Aktivierungsniveau zu erkennen: Gedanken – Gefühle – Körper – Verhalten. Bist du im Moment zu relaxt, zu angespannt oder genau richtig aktiviert? Jetzt setzt du Mentaltechniken ein, um dich in den optimalen Zustand zu bringen. Du kannst ein positives Selbstgespräch führen, einen vergangenen Erfolg visualisieren, deine Atmung kontrollieren, dich aufrecht hinstellen, usw.

Fremdbeobachtung mit gezielten Fragestellungen

Das Schwierige dabei: die SELBSTbeobachtung! Wesentlich leichter fällt da schon die FREMDbeobachtung, also das Erleben und Verhalten an anderen Personen zu beobachten. Hier bietet die WM eine super Gelegenheit, psychologische Vorgänge bei Spielern und Trainern aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Teamkulturen, auf höchstem Niveau und unter Druckbedingungen zu beobachten und zu reflektieren. Durch diese Fremdbeobachtung lernst du auch etwas über dich selbst und verstehst dadurch eigene psychologische Vorgänge besser.

Achte beim WM Gucken mal bewusst auf folgende Aspekte und versuche dann, deine Erkenntnisse auf dein eigenes Spiel zu übertragen:

Führung: Wer übernimmt wann Führung? Woran erkennst du das? Was können Mitspieler und Gegner an der Körpersprache ablesen? Wie wird kommuniziert? Woran erkennst du ein gutes Team? Wie zeigt sich “Selbstbewusstsein”? Wie zeigt sich “Präsenz”? Wie zeigt sich “Mentalität”?

Emotionen: Wie werden Emotionen sichtbar? Wann haben Spieler/Trainer ihre Emotionen im Griff und wann nicht? Wann ist es besser keine Emotionen zu zeigen und wann sich von Emotionen leiten zu lassen? Welche Strategien zum Umgang mit Emotionen kannst du beobachten?

Konzentration: Warum sind manche Spieler im Kopf den entscheidenden Tick schneller? Was machen Spieler, um sich nach Fehlern wieder neu zu fokussieren? Welche Rituale und Routinen kannst du vor, während und nach dem Spiel beobachten? Wie helfen sie dabei, eine stabile Leistung abzurufen?

Motivation: Herrscht in einem Team oder einem Spieler die Hoffnung auf Erfolg oder die Furcht vor Misserfolg vor? Woran kannst du das erkennen? Welche Ereignisse während des Spiels beeinflussen die Ausrichtung der Motivation? Wie beeinflusst die Ausrichtung der Motivation ihrerseits wiederum das Verhalten und die Leistung?

Ursachenzuschreibung: Wie gehen Spieler/Trainer mit Siegen/Niederlagen um? Welche Gründe geben sie an? Wer übernimmt Verantwortung und welche Vor- bzw. Nachteile hat es, Verantwortung zu übernehmen? Geben unterschiedliche Spieler innerhalb einer Mannschaft bzw. Spieler und Trainer unterschiedliche Gründe für Erfolg/Misserfolg an? Welche Rolle spielt das für das nächste Match?

Die Beobachtung und Reflexion psychologischer Vorgänge macht dich stärker! Viel Spaß beim bewussten WM Gucken!

Wenn ihr Fragen habt, meine Kollegen (Profilinhaber nach Sportarten) und ich (zum Profil von Dr. Fabio Richlan) stehen gern bereit.

Dr. Fabio Richlan

 

Print Friendly, PDF & Email

Hits: 263