Miriam Kohlhaas: Eurobowlfinale 2018 – Wie ein Unwetter Braunschweig und Frankfurt an menschliche Grenzen bringt

Kürzlich war ich zu Gast bei einem wirklich historischen Endspiel, dem Eurobowlfinale 2018 in Frankfurt. Die Partie zwischen den Samsung Frankfurt Universe und New Yorker Lions Braunschweig wurde das längste Eurobowlmatch der Geschichte. Wegen eines Unwetters wurde die Partie im ersten Viertel für ca. 100 Minuten unterbrochen. In den Katakomben der Frankfurter PSD-Bank Arena erlebte ich die wirklich schwierige Situation mit. Aus sportpsychologischer Perspektive war das mega-spannend.

Zum Thema: Theorie und Praxis der Sportpsychologie im American Football

Miriam Kohlhaas

Ich habe lang überlegt, wie ich euch diese Geschichte erzähle? Und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich diese absolute Ausnahmesituationen dazu nutze, um Theorie und Praxis der Sportpsychologie im American Football nebeneinander zu stellen. Auf der einen Seite berichte ich euch also, was ich erlebt habe – ich betreue ja als sportpsychologische Expertin einige deutsche Football-Spieler und war daher als Besucherin im Stadion. Auf der anderen Seite will ich mal aufzeigen, was die Sportpsychologie auf inhaltlicher Seite zu bieten hat. Denn das ist, ihr ahnt es, einiges!

Ein normaler Start in den Tag

Es ist Samstag, der 09. Juni 2018, 10 Uhr im Mannschaftshotel der New Yorker Lions. Alle sind gemeinsam am Frühstücken. Um 12 Uhr steht dann ein gemeinsames Meeting und die Einstimmung auf die Partie am Abend an.

Um 14 Uhr essen alle zusammen Mittag, bevor es dann im Mannschaftsbus um 16 Uhr ins Stadion in Frankfurt geht. Dort läuft alles ab wie immer. Jeder geht seiner individuellen Vorbereitung nach. Einige Spieler sitzen auf der Tribüne, hören Musik, quatschen miteinander. Einige Spieler rollen sich ab, dehnen sich, machen Lauf- oder Fang- Übungen. Es wird sich umgezogen, getaped, und mental auf dieses Finale eingestimmt. Dann macht sich die Mannschaft gemeinsam auf dem Platz warm. Erst alle zusammen, dann in den einzelnen Positionsgruppen. Alles voll normal, bis hierhin.

Wichtig: Der Aktivierungsbereich ist von Athlet zu Athlet unterschiedlich

Die unmittelbare Spielvorbereitung ist von sportpsychologischer Seite Brot- und Buttergeschäft, also tauchen wir ein:

Die sportliche Leistung wird von vielen psychischen Faktoren beeinflusst. Ein entscheidender Aspekt für die optimale Leistungserbringung stellt dabei die Regulation des Aktivierungsniveaus dar. In diesem Zusammenhang findet die von Yerkes und Dodson postulierte umgekehrte u-förmige Beziehung zwischen Aktivierung und Leistung Beachtung in der Sportpsychologie. Die Hypothese besagt, dass die Erhöhung des Aktivierungsniveaus bis zu einem bestimmten Grad die Leistung verbessert, eine zu hohe Aktivierung jedoch zu Leistungseinbußen führt. Dieser Aktivierungsbereich, der zu einer optimalen Performance führt, scheint bei jeder Person individuell zu sein (Seiler, 2006). Das Ziel eines Leistungssportlers muss es folglich sein, sich vor dem Wettkampf in einen entsprechenden Aktivierungszustand zu bringen.

Nur 15 Minuten Pause…  

20 Uhr Kick off des Finales. Aber dann zieht sich der Himmel über Frankfurt zusammen und ein starkes Gewitter mit Blitz und Donner direkt über uns beginnt seinen Lauf. Das Spiel wird für 15 Minuten unterbrochen. Beide Mannschaften gehen in ihre Kabinen.

Ich habe mich ab diesem Moment vor der Frankfurter Kabine aufgehalten. Mich dort mit Fotografen, Freunden oder Trainern ausgetauscht. Die Spieler waren hoch konzentriert und bereit, direkt wieder auf den Platz zu kommen. Aber es sollte anders kommen… Immer und immer wieder wurde die Spielunterbrechung um weitere 15 Minuten verlängert und jedes Mal wurde es angespannter im Kabinentrakt, immer schwieriger für die Jungs, ihre Konzentration zu halten. Also, „On fire“ zu bleiben.

Immer schön positiv bleiben

Die Anspannung steigt unter den Spielern. Was weiß die Sportpsychologe dazu?

Aus der Angstforschung ist bekannt, dass eine kognitive von einer somatischen Komponente zu unterscheiden ist. Während sich die erste Komponente auf die gedankliche Verarbeitung einer Situation bezieht, meint die somatische Komponente die Wahrnehmung körperlich spürbarer Anzeichen der Angst (Liebert & Morris, 1967). Entscheidend für die American Footballer erscheint vor dem Hintergrund der 100-minütigen Pause und der ständigen Unsicherheit bezüglich des Wiederbeginns eine positive, herausfordernde Bewertung der Situation. So ist es den Sportlern möglich, ihr Selbstvertrauen zu erhalten, handlungs- und leistungsfähig zu bleiben und angemessen aktiviert zu sein.

Krasse Belastung für die Spieler

Meine Sicht in Frankfurt: Wäre es so gewesen, dass von Anfang an gesagt worden wäre, dass es nun eine Unterbrechung von 1,5 Stunden gibt, hätte man sich sicher anderes auf diese Pause einlassen können. Aber so war es Wahnsinn, was hier den Spielern aus sportpsychologischer Sicht abverlangt wurde.

Zunehmend merkte man, dass die Spieler unkonzentrierter wurden. Eigentlich hätten sie ihre Spannung ja halten müssen, um ein paar Minuten später wieder komplett im Spiel sein zu können aber immer wieder wurde kurzfristig die Pause verlängert. Die Spieler der Frankfurter blieben nicht mehr zusammen in der Kabine. Alle verteilten sich, schrieben an ihren Handys, hörten Musik, unterhielten sich mit den Fotografen und Cheerleadern.

Viele Spieler waren in der Situation überfordert

Ich merkte, wie viele, viele Spieler vollkommen unvorbereitet in diese Situation hinein schlitterten und wirklich einfache Fehler machten. Aber welche konkreten Hilfen bietet die Sportpsychologie in einer solchen Lage?

Doch welche konkreten Möglichkeiten haben die Spieler im Vorfeld einer Wettkampfsituation oder in Wettkampfpausen, einen optimalen Aktivierungszustand zu erreichen? Erlebt sich der Sportler selbst als überaktiviert, kann er diesen Zustand durch den Einsatz von Entspannungsverfahren, wie zum Beispiel die Atementspannung, gezielt beeinflussen. Das Beherrschen solcher Techniken setzt aber einige Übungszeit voraus. Eine weitere Möglichkeit stellt das Visualisieren von angenehmen Entspannungsbildern, z.B. von Landschaften, in Kombination mit Entspannungstechniken dar (Engbert, 2016). Auch der Einsatz beruhigender Selbstanweisungen kann von den Spielern insbesondere insofern genutzt werden, als die (unvorhergesehene) Situation dadurch als weniger bedrohlich wahrgenommen wird.

Totaler Spannungsabfall

Es war, als könnte man die abfallende Spannung förmlich greifen… Als Beobachterin, die aber keinen konkreten Auftrag hatte, weshalb ich natürlich auch nicht reagieren konnte, habe ich mich gefragt, ob neben den Spielern andere Personen aus dem Umfeld in solchen Situationen hätten reagieren können. Janosch Daul dazu:

Auch der Trainer kann gezielt Einfluss auf das Aktivierungsniveau seiner Spieler nehmen. Kennt er seine Jungs und deren Wahrnehmungen in bzw. vor Wettkampfsituationen, kann er diese durch die Wahl eines angemessenen Kommunikationsstils idealerweise so erreichen, dass sie ins optimale Aktivierungsfenster kommen. Somit kann er auch auf dieser Ebene die optimale Leistungserbringung seiner Spieler unterstützen.

Ein neues Spiel beginnt…

Irgendwann um ca. 22 Uhr begaben sich beide Mannschaften wieder auf Feld. Nachdem sie sich erneut aufgewärmt hatten, wurde das Spiel fortgesetzt. Also kommen wir wieder zur Aktivierungsfrage vom Anfang zurück – aber eine optimale Vorbereitung wappnet eben auch für Extremsituationen:

Doch wie bereits angeklungen, darf das Aktivierungsniveau des American Footballers, insbesondere kurz vor dem Beginn bzw. Wiederbeginn, auch nicht zu niedrig sein. Um dies zu verhindern, bieten sich neben motivierenden Kraftbildern (z.B. von sportlichen Vorbildern) und Selbstinstruktionen auch die Aktivierung mittels Musikhören an. Auch körperliche Aktivierungsübungen wie beispielsweise schnelle Sprünge können an dieser Stelle hilfreich sein (Engbert, 2016).

Die Wahl des passenden Aktivierungs,- bzw. Entspannungsmittels ist jedoch höchst individuell. Jeder Sportler sollte entsprechende Verfahren ausprobieren und wahrnehmen lernen, was in einer solchen Situation guttut. Gelingt dies, ist der Spieler selbst für unvorhergesehene Situationen bestens gewappnet.

Was für ein Finale

Und alle, die dieses Spiel live am TV verfolgt haben, wissen, dass sich diese so lange Pause bei beiden Mannschaften sichtbar machte. Es gab viele Fehler aus Unkonzentriertheit. Persönliche Strafen, Auswechselfehler, falsche Absprachen auf beiden Seiten. Nach einer Führung der Frankfurt Universe verschenkten sie diese mit vielen Fehlern und die New Yorker Lions gewannen das Finale mit 20:19 Punkten. Letztendlich endete das Spiel um 0:30 Uhr…

Der Spieltag für die Jungs hat mit dem offiziellen gemeinsamen Frühstück um 10 Uhr im Mannschaftshotel begonnen – 14,5 Stunden später, war dieser dann zu Ende!!! Genauso fühlte sich dann auch der Sieg des Eurobowls für die Lions an. Nach der Verleihung der Medaillen, den Fotos, den Videos, den Interviews, dem Duschen und dem Umziehen gab es auf dem Weg einen kurzen Halt mit dem Mannschaftsbus an einer Tankstelle (gegessen, hatten die Jungs zuletzt zum Mittag und so spät hatte leider auch alles im Hotel geschlossen). Um ca. 2:00 Uhr morgens kam die Mannschaft endlich im Hotel an. Die eigentlich geplante Feier in Frankfurt wurde dann aus Kraft- und Vernunftsgründen gestrichen und so saßen die Spieler einfach bei sämtlichen Snacks, die eine Tankstelle zu bieten hat, zusammen in der Lobby des Hotels. Was für eine außergewöhnliche Finalfeier!!!

Ihr fantastischen Spieler und Coaches, ihr solltet euren mentalen Bedarf für solche unvorhergesehenen Momente also zumindest gut kennen, um diesen aktiv gesteuert zu befriedigen.

Auf dieser Reise, verschiedenste Techniken auszuprobieren, um für euch persönlich das Beste zu finden, stehen euch wundervolle Sportpsychologen zur Seite.

Fangt also an zu arbeiten, bevor das nächste Gewitter über euch aufzieht!

 

Janosch Daul

An dieser Stelle möchte ich euch einen besonderen Menschen vorstellen: Janosch Daul. Er ist ein junger Kollege aus unserem Netzwerk Die Sportpsychologen, der in wenigen Tagen auch ein Profil auf der Seite haben wird (zum Profil von Janosch Daul) und von dem ihr vielleicht schon bald tolle Texte lesen könnt. Janosch ist ein Student des Masterstudienganges “Angewandte Sportpsychologie” an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihn habe ich kennengelernt, weil ich kürzlich an seiner Uni bei Prof. Dr. Oliver Stoll hospitierte. Zudem war einer der vielen Gäste bei unserer Veranstaltung “Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” am 2. und 3. Juni in Bochum. Und bei Die Sportpsychologen ist es uns eine Herzenssache, dass wir uns alle um den sportpsychologischen Nachwuchs engagieren. Da sich Janosch für meine Arbeit und für American Football interessierte kamen wir ins Gespräch. Wir unterhielten uns auch über des Eurobowl-Finale und ich schilderte ihm alle Eindrücke. Entstanden ist eine tolle Diskussion über Theorie und Praxis, deren Kernaussagen ich im Text verwendet habe. Danke, lieber Janosch, für den Austausch! Und bleib am Ball, der Sport freut sich auf Sportpsychologen wie dich!

 

 

Alle Texte von Miriam Kohlhaas:

http://www.die-sportpsychologen.de/author/miriam-kohlhaas/

 

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