Kommentar von Dr. René Paasch: Vergebung für Gündogan und Özil

Erinnert Ihr Euch noch an Sommermärchen 2006? Es war ein wunderbares Fußballfest! Wie ausgelassen, euphorisch, tolerant und friedlich wir feiern konnten! Hautfarbe, Religion, Herkunft – alles war egal, wir haben nebeneinander gestanden und den Moment gefeiert. So stelle ich mir die Welt vor. Die Welt zu Gast bei Freunden. Und nun, zwölf Jahre später? Von Euphorie und Vorfreude ist hierzulande wenig zu spüren. Mehr noch: Beim letzten Vorbereitungsspiel vor der WM in Russland wird der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan ausgepfiffen. Was aber wäre noch passiert, wenn der angeschlagene Mesut Özil hätte spielen können? Wie werden sich die deutschen Fans in Russland verhalten? Ich konnte wegen solcher Fragen zuletzt schlecht schlafen. Mich berührt diese Situation sehr. Und mit diesem Blogbeitrag möchte ich Euch bestärken, aktiv zu werden, eure Unterstützung für ein fürsorgliches und zukunftsträchtiges WIR-Gefühl zu artikulieren und auch über Vergebung nachzudenken.

Zum Thema: Auswirkungen und Wirkungen von Vergebung und Zusammenhalt

Der Unmut, den Gündogan in Leverkusen zu spüren bekommen hat, ist die Folge eines Treffens von seinem Teamkollegen Mesut Özil und ihm mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Ganz klar: Diese Zusammenkunft und das politische Ausschlachten der offenbar ohne das Wissen der Spieler inszenierten Bilder muss man nicht gut finden. Ganz und gar nicht. Aber die sportlichen Folgen sind greifbar – schauen wir uns nur die Aussagen von Gündogans Mannschaftskollegen nach dem Testspiel in Leverkusen an. Es fielen bedrückende und sorgenvolle Worte, wie: „Wie man ihn in der Kabine gesehen hätte“,  „Solche Pfiffe schaden der Mannschaft” oder „das die Pfiffe Verunsicherung hervorgerufen haben“. Daraufhin äußerte sich Gündogan öffentlich: „Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen”.

Für mich ist das ein deutliches Zeichen der Reue und menschlichen Größe. Machen wir denn keine Fehler? Wurde uns denn noch nie vergeben? Natürlich stehen Profis in der öffentlichen Wahrnehmung und Verantwortung, dennoch sind sie Menschen wie du und ich. Sie haben von Kindesbeinen für ihren großen Traum hart gearbeitet, dabei mussten sie enorme zeitliche und persönliche Entbehrungen auf sich nehmen. Regelmäßiger und stetiger Leistungsdruck, Verlieren oder Gewinnen, Verletzungen überstehen oder auf der Ersatzbank sitzen, wenig soziale Kontakte, tägliche Einschränkungen, Menschen, die sie wie Waren behandeln. Das hinterlässt Spuren. Sie lernen unter höchstem Druck und sind dennoch aufgrund Ihrer Erfahrungen und der fehlenden Autonomie – Fremdbestimmung – zum Teil verunsichert. Kurzum: Der Fußball ist ein ganz besonderes aber auch schwieriges Tätigkeitsfeld, welches kaum Fehler und Rückzugsmöglichkeiten zulässt. Und eine besondere Rolle spielen neben den Medien auch die Fans, die allen voran durch Social Media-Kanäle in den vergangenen Jahren eine laute Stimme bekommen haben. Und was passiert dort oder zuletzt im Stadion: Obwohl wir alle wissen, dass Fehlentscheidungen menschlich sind, reagieren wir persönlich. Den Hintergrund kennen wir aber meistens nur aus der Ferne. Trotzdem maßen wir uns an, zu urteilen. Aus diesem Grund möchte ich euch einladen, sich mit der Vergebung und dem Zusammenhalt auseinanderzusetzen.

Vergebung

Gündogans Aussagen, der übrigens ein Bochumer Junge ist und hier in meinem Verein als früherer Nachwuchskicker einen herzenswarmen Ruf genießt, lässt sich ein schlechtes Gewissen ablesen. Aber davon sollten sich er, Özil und seine Mitspieler recht bald befreien können, um den Fokus nicht zu verlieren. Schließlich steht die WM bevor und störende Gedanke und Begleitumstände kann niemand gebrauchen. Daher möchte ich Euch, liebe Fans, ein Stufenmodell der Vergebung nach Schwennen (2008) vorstellen, welches ich modifiziert habe:

Selbsterkenntnis (a-c)

(a) Wahrnehmung einer Verfehlung: Ein Verhalten einer anderen Person wird als Verletzung oder Schadenszufügung wahrgenommen. Dieses Verhalten „wird von der betroffenen Person/von den Fans als aversiv erlebt und widerspricht ihren Normvorstellungen“.

(b) Kausalattribution (Urheberschaft): Durch wen oder was ist das Ereignis eingetreten?

(c) Verantwortungsattribution (Schuldzuschreibung): „Der Person wird die Verantwortung zugeschrieben, wenn er die Verfehlung verursacht hat, anders hätte handeln können, die Folgen absehen konnte und sie dennoch in Kauf genommen oder sie sogar beabsichtigt hat“.

Vergebung (d-f)

(d) Empathie gegenüber „dem Verursacher der Verfehlung“.

(e) Bearbeitung der eigenen negativen affektiven Reaktionen.

(f) Erreichen von Vergebung.

Am Ende dieses Prozesses erreichen wir Gelassenheit und innere Ruhe, die Beendigung von Wut und negatives Pfeifen in den Stadien wäre die Folge. Denn das oberste Ziel des Vergebungsprozesses besteht darin, dass der vergebende „Fan“ für Gündogan und Özil positive Gefühle und Gedanken übrig hat und auf das gemeinsame Ziel eifert, die „WM 2018 in Russland“. Denn alles was uns bleibt, ist der gegenwärtige Moment. Diesen können wir dann noch verstärken, wenn wir nicht nur vergeben sondern auch Zusammenhalten.

Fazit

Wir alle müssen uns also fragen: Hilft das Auspfeifen unseren Spielern? Welche Wirkung hat das auf unsere Mannschaft? Welche Wirkung erzielt das auf andere Nationen? Letztlich richten sich Pfiffe gegen alle, die mit großer Leidenschaft und Engagement für Deutschland spielen. Deshalb müssen wir zusammenhalten und uns gegen Hass und Hetze wehren, doch dabei nicht unsere DFB-Elf aus den Augen verlieren. Nur gemeinsam können wir großartiges leisten und einen weiteren WM-Titel nach Deutschland holen. Vergesst bitte nicht, warum wir den Fußball so lieben: Es ist ein Sport, der weltweit Menschen begeistert. Egal welche Altersgruppe, egal welche Nation. Fußball vereint und lässt wunderbares entstehen.

Literatur

Schwennen, C. (2008): Verzeihen. In: A.E. Auhagen (Hrsg). Positive Psychologie. Anleitung zum besseren Leben (150-165). Weinheim: Beltz PVU

Müller-Lissner, A. (2011): Verzeihen können − sich selbst und anderen. Ch. Links, Berlin

 

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