Dr. Hanspeter Gubelmann: Als Teamplayer im Einzelsport erfolgreich?

Ende Februar sorgte eine wunderbare Dokumentation im Schweizer Fernsehen für Furore: «Russi und Colombin – Das Duell» Zwei Skirennfahrer, eine Rivalität. Das legendäre Duell zweier Helden sorgte in den 70er-Jahren in der Schweiz für Emotionen und Schlagzeilen. Herzerfrischend offen beschreiben die beiden Skiasse von einst ihre damalige sportliche Rivalität. Beide wollten Sieg und Ruhm, ihre Wege zum Erfolg aber konnten unterschiedlicher nicht sein! Ein Lehrbeispiel auch aus sportpsychologischer Sicht zur Frage, wie im Einzelsport die Konkurrenzsituation im eigenen Team zu sportlichen Höchstleistungen führt.

Zum Thema: Wie interne Konkurrenz Einzelsportler antreiben kann

Im Mannschaftssport gilt es gleichermassen als Wissenschaft und Kunst, aus einer Gruppe von Einzelspielern ein funktionierendes und erfolgreiches Team zu formen. Dieses „Teambuilding“ basiert aus sportpsychologischer Sicht insbesondere auf der Entwicklung gemeinsamer Zielsetzungen, der Auswahl und Integration „passender Spieler“ (vgl. u.a. Chelladurai, 2007), der Weiterentwicklung personaler und sozial-kommunikativer Grundkompetenzen, einem aktiven Pflegen der Trainer-Spieler-Beziehung, dem Bestärken positiver Verhaltensweisen, einem frühzeitigen Erkennen und Lösen von Problemstellungen und einer vorbildlichen Grundhaltung des Trainers.

In unmittelbaren Kontakt mit diesen Ideen kam ich Mitte der 90er Jahren, als ich ein Studienjahr an University of Utah in Salt Lake City verbrachte und mich für die NBA zu interessieren begann. Damals waren es die Utah Jazz mit „Dreamteamer“ John Stockton und Karl Malone, die mit ihrer Kunst des Pick&Roll-Spiels den damaligen Branchenführer Chicago Bulls in Bedrängnis brachten. Während sich die beiden Jazz-Legenden auch ausserhalb des Spielfelds sehr freundschaftlich begegneten, war das Miteinander der beiden „Über-Bulls“ Dennis Rodman und Michael Jordan spannungsgeladen. Rodman meinte dazu: “On the court, me and Michael are pretty calm and we can handle conversation. But as far as our lives go, I think he is moving in one direction and I’m going in the other. I mean, he’s goin’ north, I’m goin’ south. And then you’ve got Scottie Pippen right in the middle. He’s sort of the equator.”

Ein besonderer Film

Was wäre passiert, hätten sich Rodman und Jordan als Einzelsportler in einem Nationalteam duelliert? Von dieser Art „Geschichte“ erzählt die SRF-Dokumentation «Russi und Colombin –  Das Duell» (verfügbar bis zum 8.3.2018, ggf. regionale Einschränkungen).

Ein Unruhestifter fordert den „Federer der 70er Jahre“

In diesem überaus spannend und informativ gestalteten «DOK»-Bericht schauen Bernhard Russi und Roland Collombin zurück auf ihre bewegte und verrückte Zeit als Topathleten im Abfahrtsrennsport. Sehr ehrlich und respektvoll schildern sie den Verlauf ihrer Karrieren – aber auch den Einfluss des „Anderen“ auf  die eigene Leistungsentwicklung. Beschrieben werden zwei „glorreiche Halunken“, beide leidenschaftliche Spitzensportler mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Herangehensweisen in Training und Wettkampf. Da der lebensfrohe und freiheitsliebende, zuweilen eigensinnige, unbekümmert auftretende Westschweizer, der im Training immer der letzte war. „Ich mochte keine Diszplin, ich war ein Dilettant. Der Trainer sagte immer, man solle es wie Russi machen. Nie sagte er, man soll es wie Collombin machen …aber ich gewann die Rennen!“ Dieser Bernhard Russi, der Federer der 70er Jahre, dürfte sich mitunter schwer getan haben mit der herausfordernden, leicht verrückt anmutenden Art seines Teamkollegen. Der Urner Vorzeigeathlet, trainingsfleissig und erfolgshungrig, bereitete sich jeweils minutiös auf seine sportlichen Ziele vor.

Als interesserter Zuschauer erhalte ich den Eindruck einer leistungsförderlichen, sportlichen Rivalität, die auf der Grundlage eines hohen gegenseitigen Respekts ausgetragen wurde.

Wir lernen gemeinsam, verschieden und erfolgreich zu sein!

Im Buch die „Simon Ammann, Andreas Küttel – Die ungleichen Zwillinge“ finden sich interessante Hinweise darauf, wie zwei charakterlich sehr unterschiedliche „Menschentypen“ als Einzelsportler einen gemeinsamen Weg an die Weltspitze finden können (S.139):

„Im Unterschied zu Ammann ist Küttel organisiert und strukturiert. Als ernsthafter und seriöser Schaffer ist er zuverlässig und berechenbar. Dies zeigt sich auch in seinem Streben nach Kontrolle und Sicherheit. Ammann hingegen ist chaotischer, sprunghafter und hat Flausen im Kopf. Seine Unbekümmertheit und sein unerschütterliches Selbstvertrauen erlauben ihm, einerseits loszulassen und andererseits Risiken einzugehen. (…) Gemeinsam ist den beiden, dass sie im Training grossen Wert auf Qualität legen und an sich selber, aber auch an ihr Umfeld, sehr hohe Ansprüche stellen. Beharrlich gehen sie ihren Weg. Sie scheuen sich nicht davor, nachzufragen, wenn ihnen etwas unlogisch erscheint, und kein Aufwand ist ihnen zu gross, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Diese Eigenschaft verbindet die beiden nicht nur, sondern erlaubt jedem auch, vom anderen zu profitieren. Im Laufe der Zeit realisierten beide, dass sich aus den Stärken des anderen Vorteile ergeben. Während Küttel durch Ammann immer wieder vor Augen geführt wurde, wie man mit einer gewissen Lockerheit erfolgreich sein kann, ist Ammann erst dank Küttel zum Spitzensportler geworden. Der Modellathlet hat im aufgezeigt, was es braucht, um an der Weltspitze erfolgreich zu sein.“

Psychologisch akzentuiertes Coaching

Auf der Grundlage sportwissenschaftlicher Erkenntnisse (vgl. Alfermann & Stoll, 2017) lassen sich aus diesen anekdotischen Berichten folgende Leitideen für die Betreuung von Einzelsportlerinnen und -sportlern im Teamrahmen ableiten. Aus Sicht des einzelnen Athleten heisst das:

  • Im Vergleich zum Anderen erkennen, was die eigenen besonderen Stärken sind;
  • Im Vorbild des anderen erkennen, welche Entwicklungsmöglichkeiten noch zu wenig ausgeschöpft sind;
  • Im täglichen (leistungsförderlichen) Vergleich das eigene Leistungspotential kontinuierlich erhöhen;
  • Den „gesunden Wettkampf“ untereinander pflegen und sich gegenseitig herausfordern;
  • Im erklärten Ziel, gemeinsam erfolgreich sein zu wollen;
  • Im respektvollen Umgang, insbesondere in einer mit Bedacht geführten Kommunikation (unter besonderer Berücksichtigung der nonverbalen Kommunikation!)

Am Ende seiner sportlichen Karriere beschrieb Andreas Küttel die über all die Jahre gewachsene Freundschaft „als Ehe-ähnlichen Zustand” mit einem ausgeprägten Rollenbewusstsein: „Wir unterscheiden uns sehr stark, und trotzdem verstehen wir uns sehr gut. Je nach Situation sind wir Trainingskollegen, Wettkämpfer oder Privatpersonen.“ Beide Athleten sind heute verheiratet und haben Kinder. Küttel ist heute promovierter Sportwissenschafter und lebt mit seiner Familie in Dänemark. Simon Ammann hat kürzlich ein Hotel im Toggenburg ersteigert und bereitet sich im „indian summer“ seiner Spitzensportkarriere auf die Zeit „danach“ vor. Ihre Freundschaft hat an weiteren gemeinsamen Facetten gewonnen.

 

 

Mehr zum Thema:

Freundschaft im Profi-Sport

 

Quellen:

Chelladurai, P. (2007). Leadership in sports. In G.Tenenbaum & R. C. Eklund (Eds.). Handbook of sport psychology (3rd ed., pp. 113–135). Hoboken, NJ: Wiley.

Alfermann, D. & Stoll, O. (2017) Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (5. Aufl.), Aachen u.a.: Meyer& Meyer.

Wälti, M. (2011). Simon Ammann, Andreas Küttel. Die ungleichen Zwillinge. Lenzburg: Faro.

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/russi-und-collombin—das-duell?id=0deff464-ded3-47d4-8541-17b64d0d52c8&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7

amrodman – interview with basketball player Dennis Rodman – Interview Archived April 28, 2008, at the Wayback Machine., Mark Marvel, Feb. 1997, accessed September 1, 2008

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