Thorsten Loch: Die Stärken des Gegners klauen

Es gleicht einem Eishockey-Wunder. Vor rund 3000 Zuschauern im Kwangdong Hockey Centre bezwingt die DEB-Auswahl den Weltmeister Schweden sensationell in der Overtime mit 4:3. Damit stehen Deutschlands Eishockeycracks vor dem ersten Medaillen-Gewinn bei Olympischen Spielen seit 1976. Damals holte die Auswahl den dritten Platz und somit Bronze. Am kommenden Freitag ist Kanada der Halbfinalgegner und die Chancen auf Edelmetall sind so gut wie seit langen nicht mehr.

Zum Thema: Die „Verwandlung“ des Gegners

Es gibt Gegner, die man bewundert, gegen welche man sich keinerlei Chancen ausrechnet, von denen man annimmt, dass sie einfach besser sind. Das mag gerade auf das Team aus Schweden zutreffen, jedoch besteht die Problematik darin, dass man sich von Anfang an in eine innere Verteidigungshaltung begibt. Wenn man glaubt, dass das Spiel bereits auf dem Papier entschieden ist, wird es sehr unwahrscheinlich, dass man dem vermeintlichen Favoriten ein Bein stellen kann. Um eine Umwandlung in selbstbewusste Energie und Offensivgeist zu beschwören, schlagen Syer/Connolly (1978) in diesem Zusammenhang vor, sich das Selbstbewusstsein vom Gegner zurückzuholen.

Dies gründet auf einem bekannten Phänomen der Gefühlsübertragung. Das Beobachten und Interpretieren von Verhaltensweisen anderer, die bestimmte Emotionen bei einem selbst ankündigen, löst beim Beobachter ähnliche Gefühle aus. Beispielsweise löst ein weinendes Kind häufig das Gefühl von Mitleid aus, wohingegen antriebsstarke Vorbilder Unternehmungslust und Freude provozieren. Um Gefühle der Minderwertigkeit, der Unsicherheit und der Defensive zu überwinden, stellt man sich im entspannten Zustand einen Gegner vor, dem man sich unterlegen fühlt. Man beobachtet diesen, visualisiert besonders bewundernswerte Verhaltensweisen, stellt sich vor, wo deren Stärke liegen und woher deren Selbstbewusstsein rührt. Im Anschluss reflektiert man die eigenen Verhaltensmerkmale und vergleicht diese mit denen des Gegners. Besonders wirkungsvoll ist dieses Vorgehen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die Stärken des Gegners lenkt, welche man nicht zu besitzen glaubt. Das sind dann jene Eigenschaften, die man dem Gegner überlässt und sich dann mental zurückholt.

Neue Selbsterfahrung

Auf diese Weise wird es dem Sportler möglich, die verloren gegangenen Eigenschaften, die man dem Gegner zuspricht, wieder zurück zu holen. Mittels dieser Methode wird es möglich, neue Selbsterfahrungen zu sammeln und man erkennt die Haltlosigkeit der eigenen Minderwertigkeitskomplexe.

Fazit: Es kommt immer wieder im Wettkampfsport vor, dass man sich einem schier unbezwingbar geglaubten Gegner gegenübersieht. Jedoch ist jeder darin gut beraten, nicht vorab sprichwörtlich die „Flinte ins Korn zu werfen“. Der Sieg der DEB-Auswahl gegen den Weltmeister ist nur ein Beispiel – stellvertretend für viele. Dieser Mannschaft ist dieser Form nun im Turnier alles zuzutrauen. Betrachtet man den Verlauf wird dies deutlich. Die ersten Minuten der Partie sahen alles andere als vielversprechend aus. Doch innerhalb von 1,5 Minuten gelingt es den Adlern, den Spielverlauf komplett auf den Kopf zu drehen. Auch der 3:3 Ausgleich Sekunden vor Schluss brachte die Deutschen nicht aus der Ruhe. Möglicherweise hat Patrick Reimer seinen Gegner umgewandelt und deshalb nach 90 Sekunden den Puck über die Linie befördert. Wer weiß ☺

 

Literatur:

Syer, J./Connolly, Ch.: Psychotraining für Sportler. Rowohlt-Verlag, Reinbeck 1987.

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