Thorsten Loch: Mentales Warmmachen

Die Olympischen Spiele sind erst seit wenigen Tagen im Gange und dennoch gab es bereits erste faustdicke Überraschungen wie den Sieg von Andreas Wellinger oder den Doppelerfolg von Laura Dahlmeier. Es gab aber auch schon einige große Enttäuschungen. Vor allem im Eiskanal von Pyoengchang lagen Freud und Leid nah beieinander. Felix Loch hatte Gold so gut wie sicher. Doch mit einem schweren Fehler in der Kurve Neun im letzten Lauf vergab er die Chance, in die Fußstapfen seines Mentors Georg Hackl zu treten. Während Loch als Fünfter mit den Tränen zu kämpfen hatte, freute sich Johannes Ludwig über die Bronzemedaille. Ähnlich wie meinem Namensvetter Loch – leider hatten wir bislang noch nicht das Vergnügen – erging es schon vielen Sportlern. Drei perfekte Läufe und „nur“ noch ein normaler Lauf hätten sicher zu Gold gereicht. Mit welchen Schwierigkeiten sehen sich Sportler konfrontiert, die wie am Beispiel des Rennrodelns, sich im laufenden Wettkampf immer wieder neu ausrichten müssen und wie können sie üben, sich bestmöglich fokussieren?

Zum Thema: Das physische Aufwärmen und die mentale Vorbereitung auf entscheidende Wettkampfsituationen

Vor dem Wettkampf werden die Weichen gesetzt. Mittels der normalen körperlichen Bewegung beim Aufwärmen stellt sich der Sportler auf seinen Körper ein. Man konzentriert sich darauf, in welcher Verfassung dieser ist und wie man diese am ehesten verbessern kann. Dass das Aufwärmen jedoch nicht nur eine reine physiologische Komponente besitzt, leuchtet jedem ein, der einmal verspätet zu einem Wettkampftag erschienen ist und sein gewohntes Programm nicht absolvieren konnte. Denn ganz instinktiv verwendet man die Zeit des Aufwärmens auch dazu, sich auf die nicht-körperlichen Aspekte des Selbst und auf die Umgebung einzustellen. Sozusagen ist das mentale Äquivalent des körperlichen Aufwärmens die Konzentration auf eine Aufgabe, welche vor einem liegt. Hingegen beschreibt das emotionale Äquivalent die gefühlsmäßige Vorbereitung, um sich die gewünschte leistungsförderliche Stimmung zu bringen.

In beiden Fällen ist es wichtig, dass der Sportler sich darüber klar wird, welche der eigenen Gedanken und Gefühle in der Wettkampfsituation angebracht sind, um jene auszuschalten, die nur stören. Ablenkungen, die man nicht als solche erkennt und deshalb nicht vermeiden kann, werden für eine unterdurchschnittliche Leistung mitverantwortlich gemacht, unabhängig davon, wie gut vorbereitet der Körper war.

Sich auf Körper, Gedanken und Gefühle einstellen

Gedanken und Gefühle ändern sich wahrscheinlich stärker und plötzlicher als körperliche Empfindungen. Eine nicht bestandene Prüfung, ein Streit mit einem Familienangehörigen oder aber die Chance auf eine einmalige sportliche Leistung, können dafür verantwortlich sein, dass man weniger Energie und Aufmerksamkeit als sonst auf die sportliche Aufgabe, die vor einem steht, verwendet. Häufig ist es so, dass man zwar körperlich anwesend, mit den Gedanken und Gefühlen jedoch noch abwesend ist.

Leider ist es einem jedoch nicht immer bewusst, dass man mit den Gedanken und Gefühlen nicht ganz bei der Sache ist. Deshalb ist es ratsam, sich selbst zu prüfen, genügend Zeit geben, damit unterschwellige vorhandene Ablenkungen an die Oberfläche des Bewusstseins dringen können. Dazu sollte man sich hinsetzen, tief ausatmen und sich bewusst machen, wo man sich körperlich befindet. Im Anschluss schließt man die Augen und schaut in sich hinein, um sich seiner Gedanken und Gefühle bewusst zu werden, die damit zu tun haben sollten, was vor oder nach einem sportlichen Wettkampf passiert bzw. passieren könnte. Dieser Augenblick des körperlichen Innehaltens lässt jeder Sportler Gedanken und Gefühle, die unterbewusst ablenken, bewusst wahrnehmen, so dass sie unterdrückt werden können.

Übung „Problembox“ (Syer/Connolly, 1987)

Dieser Prozess kann durch eine andere Übung unterstützt werden. Hierbei verspricht beim Wettkampf der eine Teil des Selbst dem anderen Teil des Selbst, welches Bedürfnisse hat, die außerhalb der sportlichen Handlung liegen, dass man sich später mit diesen Bedürfnissen beschäftigen wird, sobald Zeit dafür ist.

Klingt komisch, ist es aber nicht! Probiert die Übung aus – wenn möglich gemeinsam mit eurem Trainer oder dem Sportpsychologen. Oder eben allein:

Link zur Übung

Merkblatt Problembox

Fazit:

Rennrodeln, Skispringen und noch weitere olympische Disziplinen setzen sich auf mehreren Läufen/Runden zusammen und ergeben in Addition das Gesamtergebnis. Aufgrund dieses Reglements müssen sich die Sportler immer wieder aufs Neue, der bevorstehende Aufgabe widmen.

Welche haarsträubenden Auswirkungen nur die kleinsten Fehler haben können, müsste Loch am eigenen Leib schmerzlichen erfahren. Woran es letztendlich gelegen hat, dass diesem Ausnahmeathleten ein solcher Fehler passiert ist, kann aus der Ferne nicht beantwortet werden. Jedoch ist dieses Phänomen nicht gänzlich unbekannt und stellt Sportler immer wieder vor neue Herausforderungen im mentalen Bereich. Die angewandte Sportpsychologie bietet jedoch Möglichkeiten, wie man sich einen eigenen Gedanken bewusst werden kann, um diese letztendlich in die gewünschte Richtung lenken kann. Gerne sind wir von den Netzwerk „Die Sportpsychologen“ dazu bereit, sie, liebe Trainer und Sportler, dabei zu unterstützen.

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