Johanna Constantini: Chancen und Risiken sozialer Medien für die moderne Sportpsychologie

Ich vereinbare mit meiner Athletin Anne ein Gespräch, um kurz vor ihrem Training nochmals die Saisonziele für das heurige Jahr durchzugehen*. Wir wollen uns wie immer in der Nähe ihrer Trainingsstätte besprechen. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – zu diesem ausführlichen Gespräch wird es heute nicht kommen! Schon während Anne im Bus sitzt und in Richtung unseres Treffpunkts unterwegs ist, befasst sie sich nämlich vorwiegend mit ihrem Smartphone. Das erzählt sie mir, als sie mich an diesem Tag aufgebracht begrüßt. Wie zu jenem Zeitpunkt geht es Anne oft auf ihrem Weg zum Training. Die gesamte Fahrzeit verbringt sie nämlich mit ihrem Handy und damit auch mit diversen Social Media Inhalten. Sie saugt die „Snaps“ von ihren Freundinnen (Snaps = über den Social Media Kanal Snapchat versendete Kurzbotschaften, meist Bilder mit Text) auf. Mustert die stark bearbeiteten Bilder vermeintlicher Konkurrenten auf Instagram (= ein weiterer Social Media Kanal der hauptsächlich Bildsprache zulässt, die mit sogenannten “Hashtags” versehen wird). Oder checkt verschiedene Informationen auf Facebook. Im Ergebnis: Anne ist wie so oft aufgewühlt und vor allem abgelenkt….

Zum Thema: Wenn der Sportpsychologe zum Follower werden muss

Wie kann ich in einer derartigen Situation als Sportpsychologin reagieren? Verstehe ich Annes Zweifel und schaffe ich es überhaupt nachzuvollziehen, wie sie sich von “digitalen Einflüssen” derartig beirren lassen kann? Wie fit muss ich als Sportpsychologe in den Sozialen Medien sein, um meine Athleten adäquat begleiten zu können? Ist es heute notwendig, meinen Sportlern digital zu folgen?

All diese Fragen möchte ich in meinen folgenden Blogs für Die Sportpsychologen behandeln. Weil es nicht nur Anne ist, die der Social Media Welt in ihrem Sportleralltag mehr Raum als nötig gibt. Und weil es vor allem die „Offline-Zeiten“ sind, die nicht nur unsere Sportler, sondern auch wir als Sportpsychologen wieder neu erlernen müssen. Wie gelingt es uns überhaupt, in einer Welt in der so ziemlich alles online passiert wieder offline sein zu können? Aus dem jährlichen Bericht der Digital Agentur We Are Social, sowie der Social-Media-Management-Plattform Hootsuite geht hervor, dass 53 % und damit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (!) heute online ist. In Zahlen entspricht das rund 3,2 Milliarden Menschen! Die Zeit, die Anne auf ihrem Weg zum Training online verbringt, zählt  damit zu den eine Milliarde Jahren, die alle Internet Nutzer gemeinsam im Jahr 2018 im Netz verbringen werden (Digital in 2018, We Are Social & Hootsuite).

Vom Posten und Posen – Bewertung in Sozialen Medien

Und auch im Sport spielt sich allerhand im World Wide Web ab: Nicht nur, dass fast zwei Drittel aller Zuschauer von Sportveranstaltungen diese auf ihrem Smartphone mitverfolgen (Ooyala, 2017), denn auch Informationen zu Trainings- und Wettkämpfen werden über Whatsapp Gruppen geteilt, Screenshots von Ergebnistickern gemacht, verschickt, „gesnapt“ und – das ist der entscheidende Punkt – schlussendlich von einer riesigen virtuellen Welt bewertet! Und weil die Online Community in sozialen Netzwerken bei diesem Punkt oft alles andere als “sozial” ist, spielt die sportpsychologische Begleitung hier eine besonders große Rolle.

Damit stelle ich mir also eine Frage, der ich in den kommenden Monaten auf den Grund gehen will: Wie werde ich als Sportpsychologe also zu einem Follower meiner Athleten, der sie begleiten, schützen und in den sozialen Medien richtig verstehen kann? Ich hoffe sehr auf euer Feedback!

*Aus Gründen der sportpsychologischen Schweigepflicht wurde sowohl das Geschlecht, als auch der Name der Athletin willkürlich gewählt.

Mehr zum Thema:

Philippe Müller: Social Media – Die Dosis macht das Gift

Prof. Dr. Oliver Stoll: Der Flatrate-Ansatz


Quellen:

Digital in 2018, We Are Social & Hootsuite, 2018

Q3 Global Video Index von Streaminganbieter Ooyala, 2017

 

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5 Kommentare

  1. Liebe Johanna,

    ich finde du stößt hier ein sehr interessantes Thema auf, mit welchem sich die Sportpsychologie ebenfalls beschäftigen sollte, da dies wie du es beschreibst den SportlerInnen-Alltag prägt. Ich beschäftige mich mit der Digitalisierung auch in der Arbeitspsychologie und daher sind mir neben den Vorteilen von Social Media auch die Nachteile sehr geläufig. Darüber hinaus fände ich auch eine Diskussion interessant, wie sich die Sportpsychologie allgemein in Social Media positionieren sollte.

    lg Mario

    • Hi Mario, vielen dank für dein Feedback! Ich freu mich das Thema aufgreifen zu dürfen. Konnte in diesem Bereich dank einer langjährigen Arbeit im Online und Marketing Bereich bereits Erfahrung sammeln und die tut aktuell eben auch in den psychologischen Bereichen sehr gut:) Wäre auch gespannt auf deine arbeitspsychologischen Inputs!

      Viele Grüße

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