Elvina Abdullaeva: Das starke “Ich” trainieren

Was raubt dir vor Beginn des Wettkampfs deine Energie? Was nimmt dir die wertvollen Kräfte ab, die du für deine sportliche Performance brauchst? Die Angst vorm Verlieren? Ja,… zum Teil. Aber das ist nur ein Stückchen von der Wahrheit. Das wichtigste, was dir die Energie raubt, ist die Ungewissheit, weil du nicht weißt, wie der Wettkampf ausgeht: Ob du ein Tor machst, ob du verlierst oder gewinnst? Es entsteht vor dem Wettkampf eine große Frage in deinem Kopf: „Mit welchem Ergebnis wird das hier für mich ausgehen?“

Zum Thema: Emotionsregulation vom Start. Tricks der Profis.

Wenn du in die Zukunft springen und das Ergebnis herausfinden könntest, die Frage wäre nicht mehr relevant. Und du wärst viel ruhiger und entspannter. Dadurch, dass du dich aber nicht in die Zukunft beamen kannst, bleibt die Unsicherheit. Und folglich taucht die Frage „Klappt es oder klappt es nicht?“ so früh auf und beschäftigt dich so stark, dass sie die ganze Energie auffrisst, die du für deine Leistung brauchst.

Warum verliert man so viel Energie? Das menschliche Gehirn ist so aufgebaut. Es ist dafür verantwortlich, auf die für dich so bewegende Frage, eine Antwort zu geben. Stell dir vor: Es kommt eine solche Fragestellung auf. Der Prozess der Antwortfindung ist gestartet. Es gibt eine kleine Stimme, die dir sagt: „Ja, du schaffst das“. Es gibt eine andere Stimme, die lauter behauptet: “Nein, schaffst du nicht!“. Wir Menschen neigen aus dem natürlichen Überlebensmechanismus dazu, uns negative Information besser als positive zu merken. Glaubst du nicht? Stell dir vor, zehn Experten haben deine Leistung bei einem Wettkampf eingeschätzt. Neun von denen Kritiken sind positiv, und nur eine ist negativ. Du wirst dich viel mehr mit dieser einen negativen beschäftigen. So versuchen wir uns von der Gefahr zu schützen.

Viele Folgefragen

Aber zurück zu unserer Situation vom Start: Genauso wie nur eine negative Einschätzung, beschäftigt sich das Gehirn mit deiner negativen Antwort “Nein, du schaffst es nicht“ viel mehr. Diese Wahrscheinlichkeit „Du wirst versagen“ erzeugt viele andere Fragen. Und zwar, wie genau werde ich versagen? Was werde ich falsch machen? Wie wird der Trainer reagieren, wenn ich verliere? Und das Gehirn wird von allen diesen Fragen überfordert.

Aus einer quälenden Frage entstehen viele andere genauso quälende Fragen. Der Arbeitsspeicher des Gehirns ist mit der Informationsverarbeitung massiv beschäftigt. Dieser Prozess raubt sehr viel deiner Energie, die du durch Regenerierung und Erholung für deinen kommenden Wettkampf gesammelt hattest.

Die Störfrage als ein Computervirus

Wie kannst du dich vor diesem nutzlosen Energieverbrauch schützen? Diese Ausgangsfrage  „Schaffe ich es überhaupt?“ parasitiert nach gleichem Prinzip wie ein Computervirus. Die Frage untergräbt deine mentale Stabilität genauso wie nur ein Computervirus das ganze System. Und nun, was machen wir, wenn wir einen Virus haben? Virus entfernen! Das Gleiche muss man auch mit dieser Virusfrage machen. Wir blockieren und heben diese Frage “Schaffe ich es überhaupt?“ auf. Aber wie macht man das denn? Mit einem willentlichen Befehl zu sich selbst. Das läuft nämlich in Form eines innerlichen Gesprächs zwischen deinem starken und schwachen „Ich“ (Piatkowski, 2016).:

  1. Es kommt also eine Frage vom schwachen „Ich“: „Schaffe ich es überhaupt?“

Du setzt hier deinen Willen ein und antwortest: “Ja, ich schaffe, weil…!“ und gibst eine Begründung, die für dich stimmig ist. z.B. weil ich schon mehrmals in gleichen Situationen gewonnen habe, auch gegen einen stärkeren Gegner. Oder: Weil mein Trainer sagt, dass ich ein sehr guter Spieler/Sportler bin.

2) Diese Behauptung bezweifelt dein schwaches „Ich“ und sagt: „Wie kommst du überhaupt darauf, dass du es schaffst?“

Hier gibst du eine zweite willentlich autoritäre Antwort von starkem „Ich“: “Weil ich so entschieden habe!“

3) Das schwache „Ich“ rebelliert wieder: “Wie kommst du darauf? “

Und du gibst deine letzte unwidersprüchliche Antwort: „Weil ich…..“ und gibst wieder eine für dich eine stimmige Begründung.

Drei einfache Antworten, die du dir mit Hilfe deines Willens selber als Befehl gibst, helfen dir, die eine quälende Frage aufzuheben.

Keine Garantie, aber erhöhte Wahrscheinlichkeit

Wichtig: Keiner gibt dir eine Garantie, dass der Wettkampf so ausgehen wird, wie du dir selbst es versprochen hast. Aber mit diesen willentlichen Antworten sparst du deine wertvolle Energie unmittelbar für den Auftritt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich an, dass du gute Leistung zeigst.

Du wirst für diesen Moment der Gott, der Machthaber, für dich selbst und steuerst dich so wie du es brauchst. Aber denke daran, unbedingt so eine Antwort bzw. realistische Begründung  zu geben, warum du es schaffst. Wenn du mit dir zu streiten beginnst und hinterfragst, ob du die Wahrheit sagst, erzeugt das nur noch mehr Fragen. Denk daran, du machst selber deine eigene Wahrheit. Es wird so sein, wie du gesagt hast. Und versuch, dich an diese Antwort zu halten:

 

  • starkes “Ich”: “Du  schaffst das, weil…”
  • schwaches “Ich”: “Aber was, wenn ich einen Fehler mache?”
  • starkes “Ich”: “Du schaffst das. Ich habe mich so entschieden. Und Punkt!“

 

Viel Erfolg!

Besten Dank an eine der renommierten Sportpsychologen in Russland Tatiana Svidlova für die Idee und Inspiration!

Michele Ufer: Macht den Coaching-Quickie!

Dr. René Paasch: Selbstgespräche machen Beine

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Quelle:

Piatkowski, D. (2016).Unmöglich. Bekämpfe dein Ego. Lebe ohne Grenzen. e-bookowo.pl

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1 Kommentar

  1. Im Wesentlichen handelt es sich um eine sehr spezifische Technik, die Elvina uns hier erklärt, nämlich den “Sokratischen Dialog”, eigentlich eine Technik, die uns die antiken Griechen hinterlassen haben. Dahinter steckt der Gedanke, dass das Abwägen verschiedener Entscheidungs- und Handlungsalternativen letztendlich zu einer Lösung führen kann. Die Philosophen” des antiken Griechenlandes wandelten – im Selbst Dialog vertieft – und suchten nach Lösungen. Dies gelang, zwar nicht immer, aber dennoch oft.

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