Jürgen Walter: Gefährliche Zyklen

Vierzehn Trainer hat Borussia Mönchengladbach in den vergangenen fünfzehn Jahren verschlissen. Kurz vor Weihnachten wurde André Schubert von seinen Aufgaben entbunden, dessen Vertrag eigentlich erst im September vorzeitig bis 2019 verlängert worden war. Er fiel einer Negativserie zum Opfer, welche die Borussia in der laufenden Saison bis in die Abstiegszone abrutschen ließ.

Zum Thema: Ein Aufruf zur Ursachenforschung

Gerade in jüngerer Vergangenheit gibt es bei der Borussia eine Auffälligkeit: Die Leistung der Mannschaft lässt sich zyklisch einordnen. Als Schubert im September 2015 übernahm, war dies das Ergebnis einer unglaublichen Krise. Die Borussia war mit null Punkten aus fünf Spielen in die Saison gestartet, woraufhin Trainer Lucien Favre seinen Hut nahm. Schubert, eigentlich der Trainer der U23 ersetzte ihn und feierte sechs Siege in Folge, woraufhin er zum Cheftrainer gemacht worden ist. Seine offenbar gute Arbeit führte die Borussia in die Champions League, wo sie teils beeindruckende Leistungen zeigten. Als Gruppendritter dürfen sie nun in der Europa League weiterspielen und sind auch noch im DFB-Pokal im Rennen. In der Bundesliga rutschten sie aber wieder in eine krisenhafte Situation, was den beschriebenen vierzehnten Trainerwechsel zur Folge hatte.

Als Sportpsychologe interessiert mich die Frage, wie sich diese Zyklen erklären lassen? Eine Antwort darauf dürfte sehr schwierig sein, da sportlicher Erfolg und Misserfolg von vielen Faktoren beeinflusst wird. Denken wir nur an Verletzungsserien oder an den Verlust von Schlüsselspielern, was meist das Ergebnis von erfolgreichen Phasen ist, da sich dann finanziell potentere Vereine gern an dem auffällig gewordenen Personal bedienen.

Fehlendes Selbstvertrauen und Lockerheit

Aber zurück zu den Zyklen: Schubert äußerte in einem Interview im Dezember, dass es seiner Mannschaft in den vorangegangenen Wochen nicht gelungen sei, Selbstvertrauen und Lockerheit zurückzugewinnen. “Die Misserfolge haben die Mannschaft immer weiter verunsichert – und ich bin als Trainer dafür verantwortlich.“

Weil der Profi-Fußball nun einmal so funktioniert, wurde Schubert trotz seines gerade verlängerten Vertrages entlassen. Die Spieler können beim neuen Trainer Dieter Hecking wieder bei “null” anfangen, wie es so schön heißt. Aber ich als Sportpsychologe würde mich viel mehr freuen, wenn trotz der Schnelllebigkeit des Geschäfts ein wenig mehr Detailversessenheit hinsichtlich der unsichtbaren Bereiche der Leistungsentwicklung möglich wäre. So weit mir bekannt ist, arbeitet die Borussia nur im Nachwuchsbereich mit Sportpsychologen. Meiner Meinung nach müsste auch in den Profi-Teams die Zeit längst reif sein, den Funktionsstab mit sportpsychologischen Experten zu ergänzen. Und zwar offensiv und nicht versteckt. Und ich halte jede Wette, dass ein Sportpsychologe der schwierigen Frage nach den Zyklen bei der Borussia auf den Grund kommen würde.

Empfehlen möchte ich den thematisch passenden Text meines Kollegen Thorsten Loch. Schließlich lässt sich auch in der größten Krise erfolgreich weiterarbeiten:

Thorsten Loch: Richtiges Handeln in der Krise

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