Katrin und Michael Täger: “Tanzen ist am Ende einfach auch Kopfsache!”

Katrin und Michael Täger (Foto: Elegance Potsdam)
Katrin und Michael Täger (Foto: Elegance Potsdam)

Wenn Sportpsychologen Vorträge halten, bekommen sie oft ganz direkte Resonanz. Dr. Michele Ufer konnte in den vergangenen Monaten diesbezüglich interessante Erfahrungen machen. So fand er sich im Herbst nach einem Vortrag in Osteuropa an einem Tisch mit einem Sportmediziner eines Fußball Champions League-Teilnehmers und anfangs einer einzigen Flasche Wodka wieder. Hier erzählen wir aber die Geschichte, die sich in Folge eines Vortrags während eines dreitägigen Kongresses an der Deutschen Polizeihochschule in Münster ereignete.

Dr. Ufer sprach Im Rahmen der Veranstaltung “Neue Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zu Stress, Erholung und Gesundheit in der Polizei” zum Thema „Resilienz-Diagnostik“ und begeisterte damit mindestens eine Zuhörerin. Noch heute schwärmt Katrin Täger, Kriminalpsychologin bei der Landespolizei des Landes Sachsen-Anhalt von seiner “herzlichen und authentischen Art”, die ihr vermittelte, dass sie sich mit ihrem Problem dem Sportpsychologen anvertrauen könne.

Eine freizeitsportliche Karriere

Genauer gesagt mit dem Problem von ihr und ihrem Mann Michael. Beide Sachsen-Anhalter betreiben seit 2010 Tanzsport. Eine freizeitsportliche Karriere, die die Beamtin und der Mediziner erst mit Mitte 40 eingeschlagen haben, ohne dies auch nur im Ansatz zu planen. Katrin Täger: “Anlässlich der Feier zu unserer Silbernen Hochzeit 2013 hatten wir lediglich die Idee, eine kleine Tanzshow einzuüben.”

Mittlerweile sind sie beim Tanzsportverein „Elegance Potsdam e. V.“ gelandet, trainieren unter dem Ehepaar Katerina und Sergej Diemke (Profi-Weltmeister 10 Tänze; 2007) und haben im Juni dieses Jahres ihr Turnierdebüt in der untersten Leistungsklasse bei den Senioren 2 gegeben. Gleich bei ihrem zweiten Auftritt im September wurden sie als Newcomer überraschend Landesmeister der Startklasse des LTV Brandenburg. Allerdings fingen damit die Probleme an, wie wir im Interview erfahren:

Katrin Täger, was hat der überraschende Erfolg bei euch ausgelöst?

“Erst einmal schien das Eis gebrochen. Allerdings beobachteten wir eine bedenkliche Entwicklung, wenn wir Turniere tanzten: wir reagierten beide auf den Stress auf der Tanzfläche und dem am Rand mit unterschiedlichen, aber sehr intensiven psychosomatischen Beschwerden. Offenbar machte uns die Prüfungssituation und die für uns ungewohnte öffentliche Bewertung durch das Wertungsgericht zu schaffen.”

Welche Reaktionen habt ihr wahrgenommen?

“Symptome wie Tinnitus, muskuläre Verkrampfungen und Herzrasen. In der Summe verleidete uns dies den Spaß erheblich und wirkten sich natürlich auch extrem negativ auf unser Tanzen aus.”

Worin hast du die Ursachen gesehen?

“Wir waren ratlos. An unserer Motivation lag es nicht. Allerdings war der Leistungsgedanke mittlerweile, nicht zuletzt aufgrund des Erfolges bei der Landesmeisterschaft und der anspruchsvollen Trainingsinhalte im Verein in Potsdam, stark in den Vordergrund gerückt.”

Wiederum zufällig saß Katrin Täger also im Auditorium von Michele Ufers Vortrag in Münster und beschloss, Kontakt aufzunehmen. Sie trafen sich zu einem Gespräch, in dessen Verlauf den Tänzern bewusst wurde, welchem Erfolgs- und Leistungsdruck sie sich im Training und auf Turnieren aussetzen. Hilfreich war zusätzlich zur begonnenen Zusammenarbeit ein Buch von Dr. Ufer – aber dazu im zweiten Teil des Interviews mehr:

Katrin Täger, was waren deine persönlichen Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit Dr. Michele Ufer?

“Mir wurde bewusst, dass ich beim Training diesen Druck forcierte, was dazu führte, dass wir, jeder auf seine Weise, auf Turnieren psycho-somatisch reagierten. Das Naheliegende hatten wir dabei vollkommen aus den Augen verloren – unsere ursprüngliche Freude und den Spaß am gemeinsamen Miteinander beim Tanzen, das positive Feeling, gepaart mit der Zuversicht, dass jede Entwicklung ihre Zeit benötigt und wir uns über das Erreichte freuen dürfen.”

Michele Ufers neues Buch: Mentaltraining für Läufer (ab sofort m Handel und hier zu bestellen)
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Link zum Buch: Informationen und Bestellung

Konkret geholfen hat dir auch Dr. Ufers Buch „Mentaltraining für Läufer- weil Laufen auch Kopfsache ist“, welches er ja nicht explizit für Tanzsportler geschrieben hat. Inwiefern hat es dir aber dennoch geholfen?

“Weil er darin die Hintergründe des Mentaltrainings sowie verschiedene Methoden beschreibt und Prinzipien der Achtsamkeit und Selbstmotivation erläutert. Dabei sind seine Darstellungen allgemein anwendbar und nicht nur für Laufsportler interessant.

Wir haben persönlich, als Paar und natürlich als Amateur-Tänzer, sehr von den Anregungen Dr. Ufers profitiert und können jedem (Tanz-)Sportler und auch Nicht-Sportler empfehlen, bei Motivationsproblemen oder mentalen Blockaden, ein Blick in das Buch zu werfen bzw. das persönliche Gespräch mit einem Mentaltrainer oder Sportpsychologen zu suchen. Denn das Träumen mit den Füßen soll ja kein Albtraum wird – und: Tanzen ist am Ende einfach auch Kopfsache!”

Was macht den Tanzsport speziell?

“Besonders der Tanzsport birgt mit seinen Regularien der Aufstiegsvoraussetzungen die Gefahr, dass man als Tanzpaar den Leistungsgedanken überbewertet. Man möchte erfolgreich sein; viele Punkte und gute Platzierungen ertanzen, um in höhere Leistungsklassen aufzusteigen und wird von Trainern und Sportfreunden darin bestärkt.

Wie in jedem leistungsorientierten Sport, ist auch beim Tanzen eine hohe Trainingsdisziplin notwendig, die sich nicht immer nur positiv auf die Paardynamik auswirkt. Kurz gesagt, besonders als Tanz-Ehepaar läuft man Gefahr, dass sich das gesamte Privatleben um das – ja, erfolgreiche – Tanzen dreht. Als Paar und Sportler haben wir das gelernt.”

Tatsächlich nicht ohne Erfolg. Ende des Jahres sind Katrin & Michael Täger in die C-Klasse aufgestiegen. Der nächste Erfolg in ihrer sportlichen Vita, den sie aber nach eigenem Bekunden “tanztechnisch und mental vollkommen entspannt” errungen haben. Und Dr. Michele Ufer, selbst Extremsportler und Experte für Ausdauer- und Extremsportarten (zur Homepgae www.michele-ufer.de”), ist um eine sportpsychologische Anwendungserfahrung reicher. Dies in einer Disziplin, die er bis dahin kaum im Visier hatte.

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