Dr. René Paasch: Selbstgespräche machen Beine

Zaubern kann die Sportpsychologie nicht, aber kleine Wunder sind ab und an schon drin. Und wenn Sie als Trainer oder Mitspieler mal ihr kleines Wunder erleben wollen, dann passen Sie jetzt gut auf. Am Ende dieses Textes sollten Sie nämlich in der Lage sein, mit sehr einfachen Mitteln ihrem eher zögerlichen und nicht entscheidungsfreudigen Spieler oder Mitspieler sichtlich „entscheidungsschnellere Beine“ zu machen. Wie das geht? Mit Selbstgesprächen.

Zum Thema: Können innere Gespräche Effekte auf die Ausdauerleistungsfähigkeit haben?

Ich möchte Ihnen nun zeigen, dass es mit mentalen Interventionen der Selbstgesprächsregulation (Eberspächer, Immenroth, Mayer, 2002), die effizient im Trainingsalltag von Amateurfußballern integriert werden können, gelingen kann, hemmende gedankliche Muster zu beeinflussen, so dass Fußballer handlungsorientierter und ausdauerleistungsfähiger werden.

Praktische Anleitung

Eines Vorab: Selbstgespräche sind die im Spitzensport am häufigsten eingesetzten psychologischen Strategien. Das “innere Sprechen” stellt eine Art Probehandeln dar, das uns auf die nächsten Schritte aufmerksam macht. “Positive Selbstgespräche helfen Ihren Spieler/innen psychische Beanspruchungssituationen erfolgreich zu bewältigen und mentale Stärke zu erlangen”.

“Denken Sie immer daran: Erst wenn Sie im Kopf aufgeben, hören auch die Beine auf zu laufen.”

Und damit in die Umsetzung: Sie suchen einen geeigneten Moment, um die Mannschaft von ihrem Vorhaben zu informieren. Da der Aufwand von Seiten der Spieler sehr gering ist und eine erfolgreiche Umsetzung für jeden Einzelnen ein greifbares Ergebnis erzielen sollte, dürften Sie kaum Gegenwind ernten. Lassen Sie also nun Ihren Spielern folgenden Handlungsorientierungsfragebogen-Sport (HOSP) ausfüllen:

Link zum Fragebogen

Hinweis: Gern helfe ich Ihnen bei der Auswertung des Fragebogens. Scheuen Sie also nicht, mich zu kontaktieren: Profilseite Dr. René Paasch

Fragebogen als Grundlage

Das gewählte Verfahren misst die Handlungsorientierung in drei Bereichen nach Misserfolg (HOM; 12 Fragen), bei der Handlungsplanung/-entscheidung (HOP; 12 Fragen) und während der erfolgreichen Tätigkeitsausführung (HOT; 12 Fragen). Diese Daten bilden die Grundlage und spätere Vergleichswerte. Des Weiteren sollten Sie den bekannten Cooper-Test (12-Minuten-Lauf) sowie 100-Meter-Sprint zur Testung heranziehen. Darüber hinaus bietet es sich an, im Training verschiedenen mentalen und motorischen Übungsformen zum Themen zur Handlungsorientierung und Lageorientierung einzubauen. Was sich hinter den Begriffen Handlungsorientierung und Lageorientierung verbirgt, erkläre ich später und weise noch einmal daraufhin, dass ich Sie gern bei speziellen Übungsformen unterstütze.

Den Fragebogen, der für Ihre Spieler/innen den Startpunkt darstellte, teilen Sie nach vier Monaten erneut aus. In der Zwischenzeit erhält Ihre Mannschaft zweimal wöchentliche Intervention zur Selbstgesprächsregulation. Die Dauer der Intervention beträgt ca. 15 Minuten wöchentlich vor dem Training.

Intervention im Training

Die wöchentliche Intervention „Selbstgesprächsregulation“ sollte aus folgenden vier Bestandteilen bestehen:

  • Sammeln typischer aktueller innerer Monologe der Fußballer, z.B. „Ich weiß, wie wichtig das innere Gespräch ist, kann mich aber nicht aufraffen, weil ich das noch nie konnte“.
  • Negative Selbstgespräche umformulieren, z.B. „Ich möchte jetzt mein kognitives Verhalten verändern, und auch wenn es mir schwer fällt, weiß ich, dass es mir gut tut und ich mich auf Dauer und leistungsfähiger fühle.“
  • Training der förderlichen Selbstgespräche, z.B. die umformulierten Sätze morgens 4-mal laut vor dem Spiegel vorsprechen und sich das Handeln täglich immer wieder vorstellen.
  • Gezielter Einsatz von Atementspannung in kritischen Momenten, am Anfang gemeinsam üben, dann müssen die Fußballer selbst üben.

Folgende weiterführende Texte empfehle ich Ihnen zum Thema Selbstgespräche: Die Macht der Selbstgespräche:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Die Bedeutung des inneren Dialogs. Wie Selbstgespräche die Trefferquote verbessern können:

Dr. René Paasch: Analyse NIR vs. GER

Fazit

Mein Standpunkt ist: Je kognitiver Fußballer innere Gespräche trainieren und wöchentliche regulative Interventionen nutzen, desto handlungsorientierter und ausdauernder können Sie sein (Paasch, 2016). Gewiss ist es eine lohnende Aufgabe der Zukunft, im Bereich mentaler Maßnahmen weiter nach Zusammenhängen und Interventionsmöglichkeiten zu forschen, da die Bedeutung der emotionalen Befindlichkeit, das heißt, die innere Haltung zu einer Handlung ganz wesentlich die Funktion der dazu benötigten Wirkmechanismen beeinflusst, damit die Handlung überhaupt möglich wird und – in diesem Falle des Sportverhaltens – damit eine Änderung von Handeln und Ausdauer geschehen kann. Die in meiner praktischen Arbeit erhobenen Ergebnisse und gemachten Erfahrungen deuten daraufhin, dass Selbstgesprächsregulation die Handlungsorientierung und Ausdauerleistungsfähigkeit unterstützen können (Paasch, 2015).

Hintergrund zu Handlungsorientierung und Lageorientierung

Neben den spezifischen Fähigkeiten, wie Technik, Taktik und Kondition sind die kognitiven Fähigkeiten der Spieler ausschlaggebend und repräsentativ für erfolgreiche Spiele im Fußball (Höner, 2008). In Bezug auf die fußballspezifische Kompetenz, muss der Fußballer somit unter hohem Zeitdruck, im richtigen Moment, seine Leistung abrufen können. Es lassen sich im Fußball häufig Situationen beobachten, die für Zuschauer und Mitspieler nicht nachvollziehbar sind. Wer kennt nicht Situationen, in denen ein Spieler erfolglos auf das Tor schießt, obwohl zum Zeitpunkt des Torschusses ein Mitspieler besser steht? Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu wissen, welcher Unterschied besteht zwischen einem handlungsorientierten und lageorientierten Fußballer?

Lageorientierte Fußballer zeigen schlechtere Leistungen vor allem bei Aufgaben, die fein- und grobmotorische Koordination verlangen, wie der angemessene Einsatz von Ressourcen wie z.B. Kraft und Konzentration (Gabler 2004, S. 223). Es gibt Sportarten, die allerdings lageorientierten Sportlern entgegenkommen (Beckmann & Kazén, 1994), sogenannte Individualsportarten wie Radfahren, Schwimmen, Laufen und einige Leichtathletikdisziplinen. Handlungsorientierten Fußballern ist zwar möglich, sich kurzzeitig in eine Art Lageorientierung zu versetzen (analytisches Denken), jedoch vermögen lageorientierte Fußballer nur sehr schwer oder nur unter besonders positiven Umständen, handlungsorientiert zu sein. Steigt der mentale Druck, werden lageorientierte Fußballer eher den Kontakt zu ihren sportlichen Fähigkeiten verlieren. Im Fußball lassen sich durch innere Selbstgespräche Situationen besser bewältigen, wie z.B. die vorhandenen Leistungsressourcen im Spiel abzurufen (vgl. Schliermann & Hülß, 2008).

Der Handlungsorientierung wird – insbesondere bei technisch und konditionell ausgebildeten Fußballspielern – eine hohe Bedeutung für die Spielfähigkeit im Fußball zugesprochen (Abemethy, 1999, S. 132). In der Praxis wird die Schulung allerdings nicht explizit in der Trainingsplanung berücksichtigt. Jedoch bestimmen kognitive Komponenten in Verbindung mit der Aufmerksamkeit wesentlich die psychische Regulation der Handlungen des Sportspielers und damit seiner Spieltätigkeit und Leistung. Die Entwicklung solcher leistungsbestimmender Faktoren werden mehr oder weniger dem Zufall überlassen (Konzag, 1997). Als Konsequenz daraus ist die Handlungsfähigkeit mit Unterstützung innerer Gespräche gegenüber den bereits gut erforschten technischen Bereichen besondere Entwicklungsmöglichkeiten zuzuschreiben.

 

Literaturverzeichnis

  1. Abernethy, B. (1999). The 1997 Coleman Roberts Griffith Address Movement Expertise: A Juncture between Psychology Theory and Practice. Journal of Applied Sport Psychology, 11, 126-141.
  2. Beckmann, J. & Kazén, M. (1994). Action and state orientation and the performance of the top athletes. In Kuhl, J. & Beckmann, J. (Eds.), Volition and Personality. Action versus state orientation (pp. 439–451). Göttingen: Hogrefe & Huber Publishers.
  3. Beckmann, J. & Kellmann, M. (2004). Self-Regulation and Recovery: Approaching an understanding of the process of recovery from stress. Psychological Reports, 95, 1135-1153.
  4. Eberspächer, H., Immenroth, M. & Mayer, J. (2002). Sportpsychologie – ein zentraler Baustein im modernen Leistungssport. Leistungssport, 32.
  5. Gabler, H. (2004). Motivationale Aspekte sportlicher Handlungen. In H. Gabler, J. Nitsch & R. Singer (Hrsg.): Einführung in die Sportpsychologie. Teil 1: Grundthemen, Schorndorf: Hofmann.
  6. Höner, O. (2008) Entscheidungshandeln in Fußball – von der Theorie zur Praxis. Am Ball- die Euro 08 im Spiegel der Wissenschaft“ des Collegium generale der Universität Bern, S. 2-31
  7. Konzag, G. (1997). Entscheidungsprozesse im Sportspiel – Überblick und ausgewählte Forschungsergebnisse aus dem Fußballspiel. In D. Augustin (Hrsg.), Taktiktraining im Fußball (S. 57-66). Hamburg: Czwalina.
  8. Maxwell, A. E. 1970. Comparing the classification of subjects by two independent judges. British Journal of Psychiatry 116: 651–655.
  9. Paasch, R. (2015): Journal of Pedagogy and Psychology. Effect of training self-talk regulation on improving action orientation vs. state orientation and endurance performance in the area of amateur soccer Riga Teacher Training and Educational Management Academy, Latvia. 8th International scientific conference. ISBN 978-9934-503-31-3. Internet: www.rpiva.lv/pdf/8_konferences_raksti.pdf, S. 76
  10. Schliermann, R. & Hülß, H. (2008). Mentaltraining im Fußball. Hamburg: Czwalina Stoll, O. & Ziemain, H. (2009). Mentaltraining im Langstreckenlauf.
  11. Stuart, A. 1955. A test for homogeneity of the marginal distributions in a two-way classification. Biometrika 42: 412–416.
  12. Weinberg, R. S., & Gould, D. (2003). Foundations of sport and exercise psychology, 3. Aufl., Champaign, IL: Human Kinetics.

 

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