Prof. Dr. Oliver Stoll: Adieu Motivationsvideos?

Was wären wir nur ohne die Journalisten, die für uns mutmaßlich wichtige Informationen zum mentalen Zustand erklären würden? Ich habe mir am Sonntagnachmittag das Fußballspiel von RB Leipzig gegen Mainz 05 (auf Sky) angeschaut und ja, „Asche über mein Haupt“, – ich könnte ja auch hingehen und mir das Spiel im Stadion anschauen, denn ich wohne ja schließlich hier. Aber ich glaube, ich bin zu alt für solche Stadionbesuche in der Herbstkälte des Novembers. Außerdem sieht mal viel besser am Bildschirm und man bekommt die Kommentare der dort aktiven Journalisten mit. Thema dieses Mal war – und dies schien durchgesickert zu sein – dass der Sportpsychologe von RB Leipzig vor dem Spiel immer „Motivationsvideos“ für die Spieler vorbereitet. Schon im Vorfeld des Spiels hatte ich hierzu einige Hinweise gelesen. Gefragt wurde unter anderem, ob dies Videos aus anderen Sportarten oder Spielsituationen aus eigenen Spielen seien? RB-Coach Ralph Hasenhüttl zeigte sich hier relativ bedeckt und oberflächlich in der Beantwortung dieser Frage. „Beides wären Inhalte“. Wir halten fest: Der Sportpsychologe von RB Leipzig nutzt dieses „Tool“. Besonders interessant fand ich nun, dass die beiden Torschützen der Leipziger, Timo Werner und Emil Forsberg im Interview nach dem sehenswerten Sieg von RB Leipzig bestätigen, dass die vor dem Mainz-Spiel gar keine, solche Videos geschaut haben.

Zum Thema: Zur motivationalen Abnutzung und den Gefahren von Motivationsvideos

Auch ich arbeite mit solchen Videos in der Betreuung meiner Athleten. Dabei versuche ich in der Regel immer Videos aus der eigenen Vergangenheit, also aus eigenen Erfolgen zu nutzen. Der psychologische Hintergrund dafür ist, dass nichts effektiver für ein positives Selbstbild ist, als das „Noch einmal Erleben von emotionalen, wichtigen Ereignissen ist“. Neben dem Effekt des „Lernens am Erfolg“ und dem „Lernen am Modell“ (wobei der Athlet selbst sein eigenes Modell ist) zählt die Gewissheit, dass man es „drauf hat“, denn man sieht es ja gerade. Es zählt hier also die gesamte Bandbreite dessen, was wir zu psychologischen Lerntheorien wissen. Wir finden hier sowohl behavioristische Ansätze wie das Operante Konditionieren als auch sozialkognitive Ansätze, wie z.B. das Lernen am Modell oder sozial-kognitive Aspekte (Lernen am Modell und Lernen durch Einsicht – siehe hierzu auch das Lehrbuch von Kiesel (2011).

Festzuhalten bleibt jedoch, dass sich solche Videos auch nach einigen Malen des Vorzeigens „abnutzen können“. Wenn Athleten diese Videos mehr als nur einmal sehen, dann verlieren sie ihre „inspirierende Kraft“ und dies geschieht insbesondere dann, wenn diese Videos von einem „Anderen“ – also nicht vom Athleten selbst – produziert oder vorbereitet werden. Denn der „Andere“ hat mitunter nur eine sehr eingeschränkte „Innensicht“ des Athleten und weiß nicht immer zielsicher, ob diese Szenen, die der Sportpsychologe mutmaßlich vorbereitet hat, den Athleten auch wirklich emotional erreichen. Genau das ist aus meiner Sicht eine „psychologische Kunst“, die man nur erlernen kann, wenn man sehr tief in ein System integriert wurde (mit all seinen positiven und negativen Aspekten – siehe hierzu auch meinen Blogbeitrag zu den verschiedenen Rollen, die ein Sportpsychologe einnehmen kann). Und weil der Sportpsychologe von RB Leipzig weiß, dass sich solche „Videos“ motivational auch abnutzen können, nutzt er dieses Werkzeug eben nicht ständig oder jeden Tag. Und das erklärt dann auch die Verwirrung der Journalisten von Sky. Aus der Ferne betrachtet würde ich sagen: Gut gemacht, Sportpsychologe!

 

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

 

Literatur

Kiesel, A. (2011): Lernen. Grundlagen der Lernpsychologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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