Michele Ufer: Trailrunning – Warum tun sie es, WIE sie es tun?

Kürzlich wurde intensiv über Trailrunning-Events und die Entwicklung des Trailrunnings allgemein diskutiert, weil bei einem Ultratrail-Lauf an der Zugspitze lediglich 50% der Teilnehmer das Ziel erreichten und einige Streckenabschnitte für wenig geübte Läufer als relativ schwierig zu laufen oder gefährlich wahrgenommen wurden. Auch die zunehmende Größe der Teilnehmerfelder wurde kritisiert. Während die einen etwas hektisch die Veranstalter in die Pflicht nahmen und Reglementierungen im Sinne von Qualifikationspunkten oder ähnlichem forderten, appellierten die anderen an die Selbstverantwortung der Läufer oder machten die Sportartikelindustrie mitverantwortlich, da diese naturgemäß vor allem eines will: ihre Produkte durch bildgewaltige, verführerische Kampagnen verkaufen.

Für die-sportpsychologen.de berichtet: Michele Ufer

Im Rahmen dieser Diskussion machte Oliver Stoll in einem Beitrag darauf aufmerksam, dass bei Ultratrail-Läufern eine Persönlichkeitsdisposition namens „Sensation Seeking“ (Zuckermann, 2006) relativ hoch ausgeprägt ist, was zu gefährlichem Verhalten verleiten könnte. Wohlgemerkt: könnte. Sensation Seeker sind Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Hirnphysiologie ein höheres Reizniveau benötigen, um sich gut zu fühlen: sie suchen intensive Stimulation, Abwechslung, Abenteuer. Die einen leben das beim (Extrem-)Sport aus. Andere suchen sexuelle Abenteuer, lassen keine Party aus, zocken an der Börse usw. Sie brauchen einfach mehr Aktivierung als andere Menschen, was aber nicht zwingend mit risikoreichen Situationen einhergehen muss. In einer noch nicht veröffentlichten Studie, konnte jedoch genau das nachgewiesen werden: Ultra(trail)-Läufer zeigen tatsächlich eine größere Risikobereitschaft, als (Halb)-Marathon-Läufer (Ufer, 2016).

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Kürzlich fand ein weiteres Rennen in den Alpen, diesmal im Kleinwalsertal, statt. Die Finisher-Quote betrug bei den Damen erneut rund 50%, bei den Herren erreichten zwei Drittel der gemeldeten Läufer die Ziellinie. Nun könnte man erneut Ursachenforschung wegen der geringen Finisher-Zahl betreiben oder sich einfach entspannt zurücklehnen und wie folgt argumentieren. Sehr gut, eine rund 50-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit ist doch perfekt, da es -zumindest bei erfolgszuversichtlichen Menschen- für die größte Leistungsmotivation und entsprechende Spannung sorgt (McClellend, 1953). Manche Rennen speisen ihre Anziehungskraft ja sogar insbesondere daraus, dass sie kaum möglich, besonders „hart, schwierig, extrem“ scheinen.

Ich möchte diese Thematik allerdings noch in eine weitere Richtung lenken.

Warum tun sie es, WIE sie es tun…? Anders ausgedrückt: warum betreiben viele Ultratrail-Läufer ihren Sport eigentlich, wie sie ihn betreiben?

Diese Frage scheint recht einfach zu beantworten. Wahrscheinlich kommen jetzt einigen Lesern reflexartig die klassischen Hinweise bzw. Motive in den Sinn, wie sie ja auch in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt wurden. Die meisten Sportler bestätigen, dass es ihnen beim Laufen in individuell durchaus unterschiedlicher Ausprägung vor allem um folgende Aspekte geht: Geselligkeit, Entspannung, psychische und allgemeine Gesundheit, Gewichtsregulation, Kopf frei kriegen, Probleme lösen, Natur erleben, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern und etwas beweisen. Einige sind natürlich auch wettkampforientiert unterwegs und lieben es, sich mit anderen zu messen. Aber das scheint nicht unbedingt die Mehrheit zu sein. Soweit so gut.

Der Blick über den Tellerrand

Wagen wir einen Blick über den Tellerrand. Bevor ich im Jahr 2011 meinen eigenen Ausflug in die Laufszene begonnen habe, war ich viele Jahre in anderen sogenannten Natursportarten aktiv, war unter anderem recht lange im Klettersport unterwegs, war Windsurfen und Tauchen. Die möglichen Motive für das Sporttreiben scheinen bei diesen Natursportlern durchaus ähnlich zu sein: es geht vielen um… Geselligkeit, Entspannung, Gesundheit, Kopf frei kriegen, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern, sich beweisen und Natur erleben. Und natürlich wollen sich einige auch mit anderen messen, freuen sich auf gelegentliche Wettkämpfe.

Und wo liegen bei so vielen Gemeinsamkeiten die Unterschiede? Nach meiner Wahrnehmung gibt es einen sehr großen Unterschied, der mich zurück zu meiner einleitenden Frage führt.

Einfaches miteinander

Die Natursportler, denen Geselligkeit, Naturerleben, Entspannung, Verbessern und das Ausloten persönlicher Grenzen genauso wichtig ist, wie den Läufern, fahren meist einfach zusammen an den Spot und haben gemeinsam Spaß. Und zwar ohne mehr oder weniger regelmäßig bei einer offiziellen Veranstaltung an den Start zu gehen. Hier und da gibt es natürlich Wettkämpfe und die werden auch gern besucht. Aber meist trifft man sich einfach und treibt gemeinsam Sport. Ohne große Kulisse, ohne offiziellen Rahmen, ohne Startnummer und -geld, ohne Rankings, ohne Urkunde. Man trifft sich, genießt die Zeit, das Miteinander, die Natur, treibt Sport, lotet seine Grenzen aus. Fertig.

„Nur die ersten Kilometer läuft der Körper“

Warum scheint das bei vielen Läufern anders zu sein, obwohl doch viele Motive sehr ähnlich gelagert sind? Warum gehen viele (Ultra)Trail-Läufer im Gegensatz zu den anderen Natursportlern mitunter mehrmals pro Monat bei offiziellen Events an den Start? Warum scheinen viele eigentlich nicht wettkampforientierte Läufer die Struktur oder Bühne des organisierten Events bzw. Wettkampfs zu brauchen und/oder den Trubel, die Cut-Off- oder Finisher-Zeit und Urkunde, über die die Facebook-Community natürlich dann regelmäßig und ausführlich unterrichtet wird?

Hat der Masseur die Antwort?

Dieser Unterschied ist mir in letzter Zeit sehr bewusst geworden. Ein befreundeter Masseur, der viele Hobby- bis Hochleistungsläufer betreut, meint auf meine Frage nach dem Warum spontan:

Viele sind im Hamsterrad des “Da will ich aber auch dabei sein”-Wettkampf-/Veranstaltungskalender gefangen. Nur um der häufig gefürchteten Frage aus dem Weg zu gehen: “Ich habe Dich in XYZ gar nicht gesehen – wo bist Du denn an dem Tag gelaufen?” Reflexartig kommt dann eine Antwort aus dem Katalog verletzt/Kind/Oma/Opa/Tante/Meerschweinchen krank oder “Neee, wichtiger Business-Termin” und so weiter. Die Antwort: “Du, ich hatte einfach keinen Bock!” oder gar “Das ist mir zu viel, zu anstrengend, zu weit, zu teuer!” wird da, weil nicht Szene-konform, gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Man könnte meinen: vom Sport-Treibenden zum Getriebenen. Und das gilt nicht nur für Ultra(trail)-Läufer, sondern auch auf den kürzeren Distanzen

Multimediale Selbstinszenierung?

Könnte es vielleicht sein, dass wichtige psychologische Motive für das Laufen, wie z.B. „Anerkennung durch andere erhalten“ und „Verbesserung des Selbstwertgefühls“ für eine ganze Reihe von Läufern sehr viel gewichtigere Beweggründe für das Sporttreiben sind, als oftmals zugegeben wird? Könnten diese Motive erklären, warum ausgesprochen viele Läufer so sehr und regelmäßig das organisierte Event mit Startnummer, Zeitmessung, Ranking, Applaus und entsprechender PR suchen?

Und wenn dem tatsächlich so sein sollte, würde das nicht auch erklären, warum heutzutage der fast schon inflationäre Gebrauch von Superlativen zur Beschreibung von Events wie „das härteste, extremste, schwierigste Rennen“ etc. so gut sticht: weil es der multimedialen Selbstinszenierung sehr zuträglich ist und ein wichtiges Bedürfnis mancher Sportler nach Anerkennung und Selbstwertsteigerung bedient?

Bewusste und unbewusste Motive

Die Antwort wird jeder für sich selbst finden müssen. Wer dabei ehrlich zu sich selbst ist, könnte die eigenen Fähigkeiten, Potenziale und tatsächlichen Bedürfnisse zukünftig womöglich noch besser einschätzen, nutzen und seinem Lebensglück weiter auf die Sprünge helfen. Ich für meinen Teil werde mich übrigens demnächst in einem Projekt intensiver mit dem Zusammenspiel bewusster und unbewusster Motive beim Sportreiben beschäftigen, natürlich auch beim Ultramarathon. Und dabei vielleicht auch eine fundierte Antwort auf die eine oder andere meiner hier gestellten Fragen finden.

TV-Beitrag über Michele Ufer & seine psychologische Extremsport-Forschung from Michele Ufer on Vimeo.

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

 

Referenzen:

McClelland, D. C., Atkinson, J. W., Clark, R. A., & Lowell, E. L. (1976). The achievement motive. New York: Appleton-Century-Crofts

Ufer (2016): Persönlichkeitsstruktur und Risikobereitschaft von Ultramarathonläufern. Unveröffentlichter Forschungsbericht

Zuckerman, M., Eysenck, S. & Eysenck, H.J. (1978). Sensation seeking in England and America: Cross-cultural, age, and sex comparisons. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 46, 139–149

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