Henning Thrien: Österreichs Scheitern

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem EM-Qualifikationsspiel, einem Testspiel und/oder einem Gruppenspiel bei einer Fußballeuropameisterschaft? In jedem dieser Spiele sind die reinen fußballerischen Bedingungen die gleichen. Der Platz hat die gleichen Maße, es sind elf Spieler auf dem Platz und lapidar könne man nun auch noch behaupten, der Ball sei und bliebe immer rund. Wenn man sich allerdings die Leistung der Österreicher über das komplette Turnier anschaut muss man feststellen, dass es sehr wohl einen großen Unterschied zwischen den verschiedenen „Spielformaten“ gibt.

Zum Thema: Österreich zwischen Anspruch, Wirklichkeit und Erfahrung

In dieser sportpsychologischen Analyse soll es um die Leistung der österreichischen Nationalmannschaft bei dieser Europameisterschaft gehen. Die Qualifikation der Österreicher verlief phänomenal. Mit 28 Punkten aus zehn Spielen und berauschenden Siegen wie dem 4:1 gegen die Schweden in Schweden, qualifizierten sich die Österreicher deutlich und hochverdient. Die Erwartungshaltung an die talentierte Mannschaft im eigenen Land war sehr hoch und dank einer guten Gruppenkonstellation – dem österreichischen Team wurden neben Portugal die Außenseiter Island und Ungarn zugelost – schien das Weiterkommen durchaus realistisch.

Nach den drei Vorrundenspielen und dem enttäuschenden Ausscheiden als Gruppenletzter drängt sich der Eindruck auf, dass es dem Team nicht gelang die hervorragenden Leistungen aus der Qualifikation mit in die Europameisterschaft zu transferieren. Im Anschluss an die Auftaktniederlage gegen Ungarn kam häufig das Thema „fehlende Erfahrung“ auf und wurde gewissermaßen sinnbildlich als Ursache für das Abschneiden benannt.

Versagen unter Druck

Es ist keine Seltenheit, dass Einzelsportler und auch Teams bei Großereignissen nicht in der Lage sind, die optimale Leistung abzurufen. Gründe dafür sind sehr vielfältig und können sich von Sportler zu Sportler unterscheiden. Im Folgenden sollen allerdings zwei typische Gründe für Versagen von Sportlern in Drucksituationen skizziert werden:

  1. Konsequenzendenken nimmt überhand:

Wenn wir Menschen anfangen, uns während einer Handlungsausführung mit den Konsequenzen dieser zu befassen, dann ist diese Handlung häufig zum Scheitern verurteilt. Am Beispiel der österreichischen Nationalmannschaft ließe es sich wie folgt darstellen: Die Spieler könnten den Gedanken ans Scheitern in der Vorrunde und den Gedanken an eine enttäuschte Nation während des Spiels im Hinterkopf gehabt haben. Mit jeder weiteren misslungenen Aktion kommt dann negativ emotionale Aufregung dazu und die Frustration und eine gewisse Angst vorm Versagen kann sich so summieren. Solch eine Fülle von Ablenkungen nehmen den Fokus von den eigentlich relevanten Aspekten (z.B. „Wo ist mein Gegenspieler/Ball/Mitspieler“; „Wo befinde ich mich auf dem Feld und welche Räume bieten sich für eine Verlagerung an“, etc.) weg und hindern Sportler daran, ihre Leistung abzurufen.

  1. Die große Bühne hemmt anstatt zu motivieren

Ein typisches Phänomen für das Scheitern bei Großveranstaltungen wird, wie bereits oben angedeutet, mit Unerfahrenheit und Jugendlichkeit erklärt. Die externen Rahmenbedingungen (Anzahl der Zuschauer, mediales Interesse/Mittelpunkt, sportliche „Einmaligkeit“ (Olympische Spiele, Weltmeisterschaft und/oder Europameisterschaft findet nur alle vier Jahre statt) gleichen nicht denen einer EM-Quali-Partie oder eines Bundesligaspiels. Wenn der Sportler sich genau mit diesen externen Faktoren zu viel auseinandersetzt, dann kann ihn die Tragweite eines solchen Spiels einschüchtern.

Aus Erfahrung lernen

Dass Unerfahrenheit keineswegs ein Grund für Versagen sein muss, zeigt ein Blick auf die amerikanische Skifahrerin Mikaela Shiffrin. Vor ihren ersten olympischen 2014 in Sotschi erzählte sie, dass sie als Vorbereitung auf die Spiele den Ablauf vor Ort bereits mehrfach mental durchgespielt habe. Ganz salopp bezeichnete sie die Spiele in Sotschi als „ihre tausendsten Spiele“, da sie in ihrer Vorstellung jede sich bietende Situation bereits mehrfach durchgespielt und mental bewältigt hatte. Diese Techniken haben den Effekt, dass der Glaube an die eigene Stärke und das individuelle Selbstvertrauen erhöht werden. Selbst eine so große neue Bühne wie die EM oder Olympia kann dann schon deutlich routinierter wahrgenommen und erlebt werden.

Von außen ist es schwer zu sagen, woran das Scheitern der Österreicher genau gelegen haben kann. Was bleibt ist die Hoffnung der österreichischen Fußballfans, dass ihre durchaus talentierte Mannschaft die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland 2018 schaffen wird und die Erfahrungen aus der diesjährigen EM dort für sich nutzen kann.

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