Dr. Hanspeter Gubelmann: Vor dem Albanien-Spiel

Das EM Eröffnungsspiel der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft verspricht Spannung, Emotionen und Dramatik. Aus rein sportlicher Optik betrachtet, spielt die Schweiz als aktuelle Nr. 15 der FIFA-Weltrangliste gegen den Aussenseiter Albanien, FIFA-Weltnummer 42. Trotzdem macht sich im (medial geprägten) Vorfeld dieses Eröffnungsspiels eine eigenartig destruktive Stimmung breit.

Zum Thema: Eine sportpsychologische Vorausschau auf das EM-Auftaktspiel der Schweizer Fussballnati

Ich sitze zusammen mit meinem SASP-Vorstand beim „Italiener“. Nach getaner Arbeit lassen wir unsere eben beendete Sitzung mit Smaltalk und in gemütlicher Atmosphäre ausklingen. Am Nebentisch ereifert sich derweil eine Seniorenrunde, möglicherweise vom Männerturnverein Zürich-Witikon, in einer Diskussion um das Auftaktspiel unserer Nati. „Da spielt ja Albanien 1 gegen Albanien 2“ ruft der eine. „Ach ja, und der Trainer spricht ja auch nur sehr gebrochen Deutsch, geschweige denn Mundart!“ erwidert der andere. „Hast du auch im Blick gelesen – nicht einmal unser Sportminister Ueli Maurer traut dem Schweizer Team einen Sieg zu!“ – meint der dritte Sportsfreund, schon recht echauffiert.

Aus sportpsychologischer Sicht ergeben sich aus diesem Stammtisch-Intermezzo drei sportpsychologisch bedeutsame Fragestellungen. Auf welche Überzeugungen und (mentale) Stärken soll der Trainer setzen, um das kollektive Selbstvertrauen zu optimieren? Welche mentalen Herausforderungen dürften im „Albanien-Spiel“ in besonderem Masse zu bewältigen sein? Und schliesslich: welche mentalen Methoden und Trainingsmassnahmen müssen jetzt greifen und eingesetzt werden?

Die Schweiz – eine Fussballmacht!?

Die CH-Fussball-Nationalmannschaft taucht schon seit längerer Zeit in den Top-15 Positionen der FIFA-Weltrangliste auf. Trotz sehr mässigen Leistungen in den Vorbereitungsspielen ist diese Position weder Zufall noch gänzlich unerwartet. Betrachtet man das aktuelle EM-Aufgebot mit den 23 nominierten Spielern sind mindestens 3 sportbezogene Qualitätsmerkmale zu erkennen: 17 Spieler stehen in ausländischen Vereinen und sportlich höher bewerteten Ligen unter Vertrag. Mit Torhüter Yann Sommer und den Feldspielern Ricardo Rodriquez, Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Fabian Frei, Admir Mehmdi und Haris Sefereovic bilden heute sieben Spieler den Stamm der Nationalmannschft, die schon in der U17 Juniorenauswahl (Weltmeister 2009!) und/oder in der U21-Nationalmannschaft (Vize-Europameister 2011) erfolgreiche Endrunden-Tourniere absolvierten. Diese Erfolge stehen für eine erfolgreiche Nachwuchsförderung im Fussballverband und verschiedenen Clubs, insbesondere auch im FC Basel, der bei sehr vielen Spielern als Sprungbrett für eine internationale Karriere dient(e). Der 56-fache Nationalspieler Gelson Fernandez bringt es mit seine Aussagen auf den Punkt: „Die Mannschaft hat Qualität, muss diese aber noch zeigen.”

Der Trainer in einer Schlüsselfunktion

Die Umsetzung dieser Qualität der Mannschaft in eine erfolgreiche Spielweise – in Verbindung mit der multikulturellen Herkunft vieler Akteure; darin dürfte eine Hauptanforderung an den Coach Vladimir Petkovic liegen. Gefordert sind Einfühlungsvermögen (Empathie) und kommunikative Fähigkeiten, die sich der polyglotte Trainer auch neben dem Fussballplatz ihm Rahmen mehrjähriger Tätigkeiten bei der Caritas und anderen sozialen Institutionen angeeignet hatte. Petkovic spricht zwar nur gebrochen Deutsch, dafür kann sich der Trainer in mindestens acht Sprachen an seine Spieler wenden. Seine Aufgabe dürfte weiter darin bestehen, den Spielern Vertrauen zu schenken, sie in ihren Stärken und Aufgaben zu unterstützen, für eine positive Atmosphäre innerhalb des Teams zu sorgen und Spieler und den gesamten Staff auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Dieser Zusammenhalt (Kohäsion, vgl. Rauch) der ganzen Equipe ist gerade in Tournier-Situationen wie Europameisterschaften besonders wichtig.

http://die-sportpsychologen.ch/2016/03/02/dr-jan-rauch-von-wegen-elf-freunde/

Gefordert: Mentale Kompetenz

Die Verantwortung für eine professionelle, zielgerichtete mentale Spielvorbereitung liegt aber aber auch beim Spieler selbst. Dazu gehört die individuelle, auf die spezifische Aufgabe ausgerichtete fokussierte Einstimmung, das Erreichen eines optimalen psycho-physischen Vorstartzustandes sowie die Aktivierung technisch-taktischer Automatismen. Der besondere ethnische Hintergrund der beiden Teams lässt ein emotionsgeladenes, kampfbetontes Spiel erwarten. Speziell im Fokus auch der medialen Aufmerksamkeit stehen die Brüder Taulant und Granit Xhaka, die in ihren Teams Schlüsselpositionen einnehmen und sich auf dem Spielfeld gegenüberstehen werden. Mit „Zerreissprobe“ betitelt der Tagesanzeiger die besondere Affiche, beide wollen „hart aber fair spielen“, wobei Taulant festhält: “Ich ziehe auch gegen Granit nicht zurück“. Granit Xhaka und seine Teamkollegen werden gut beraten sein, sich auch auf „brenzlige“, emotionsgeladene Situationen vorzubereiten, auf die sie mit entsprechenden Bewätligungsstrategien (coping) und im Sinne eines „mental preplay’s“ (so genannte was-wenn – Aktionen) einstimmen können. In Anlehnung an die Selbstwirksamkeits-Theorie von Bandura dürfte gerade der Aktivierungs- und Emotionskontrolle grosse Bedeutung zukommen.

Tipp: Der interessierte Leser findet bei Dr. René Paasch einen fachkundigen und lehrreichen Überblick über das sportpsychologisch gestützte Training der Selbstwirksamkeit im Fussball!

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

 

Quellen:

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Eberspächer, H. (2004). Mentales Training. Ein Handbuch für Trainer und Sportler. München: Copress.

http://www.blick.ch/news/politik/bundesrat-maurer-ist-vor-der-em-realist-die-albaner-sind-im-vorteil-id5129097.html

http://www.blick.ch/sport/fussball/taulant-xhaka-zum-bruderduell-gegen-die-schweiz-ich-ziehe-auch-gegen-granit-nicht-zurueck-id4612033.html

http://www.blick.ch/sport/fussball/die-beste-nati-fernandes-macht-den-vergleich-die-mannschaft-hat-qualitaet-muss-diese-aber-noch-zeigen-id5122787.html

http://webspecial.tagesanzeiger.ch/longform/die_xhakas/

http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/

http://die-sportpsychologen.ch/2016/03/02/dr-jan-rauch-von-wegen-elf-freunde/

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