Prof. Dr. Oliver Stoll: Macht Fußball depressiv?

Anfang Oktober ließ eine Meldung bei www.sportschau.de meine Aufmerksamkeit schlagartig ansteigen. Es wurde gemeldet, dass eine Studie gezeigt habe, dass jeder dritte Fußballer gefährdet sei, an einer Depression zu erkranken. Als Quelle wurde die unten genannte Publikation genannt, die ich dann auch relativ schnell auf der Website der FiFPro – das ist der Internationale Profi-Fußballspieler-Verband – finden konnte. Als ein in der Sportpraxis aktiver Sportpsychologe konnte ich mir das nur schwer vorstellen und als Wissenschaftler wurde ich neugierig.

Zum Thema: Ist jeder dritte ehemaliger Fußballprofi depressionsgefährdet?

Nach einer ersten Lektüre der unten genannten Publikation wurde mir schnell klar, dass wir es hier offensichtlich mit dem Versuch von „Stimmungsmache“ zu tun haben. Wobei mir nicht sofort greifbar war, in welche Richtung die Reise gehen sollte. Was fiel mir also auf? Erstens handelt es sich bei der unten genannten Quelle um ein nicht veröffentlichtes Manuskript. Es gab, Stand Anfang Oktober, keinen Hinweis darauf, in welcher wissenschaftlichen Zeitschrift dieser Beitrag erscheinen solle. Ob dieses Manuskript tatsächlich veröffentlicht wird, muss sich wohl erst noch zeigen, denn es handelt sich um einen wissenschaftsmethodisch eher „schwach“ einzustufende Studie. Es ist eine Querschnittstudie, die mit mehr oder weniger gut validierten Fragebögen (insgesamt 249) ehemalige Fußballprofis bezogen auf ihre Risikoverhaltensweisen (z.B. Alkoholkonsum, Tabak-Konsum, Essgewohnheiten, Schlafgewohnheiten) sowie auf ihre Stresswahrnehmung, ihre Ausprägung hinsichtlich Ängstlichkeit und Depressionsneigung und erlebte kritische Lebensereignisse befragt hat. Es wurden dann mithilfe von statistischen Zusammenhangsanalyse, die erwarteten positiven Zusammenhänge – insbesondere die von dem Journalisten genannte 35% Prävalenz für die Ausbildung einer Depressionserkrankung – gefunden. Diskutiert werden die Daten von den Autoren der Studie eben auch eher in Richtung „Karriereübergang und Karriereende“ von Fußballern und der Forderung, hier mehr Aufmerksamkeit seitens des Unterstützersystems einzufordern. In diesem Punkt hat der frühere französische Profi-Kicker Dr. Vincent Gourtebage natürlich vollkommen Recht: Nach dem Vorbild der deutschen Olympiastützpunkte sollte auch der Fußball auf professionell ausgebildetes Personal setzen, um den Athleten eine gute Karrierebegleitung inklusive des Übergangs nach dem Laufbahnende zu ermöglichen.

Was aber ist nun mein Problem?

1.) Es handelt sich um eine Querschnittstudie, die keinesfalls einen monokausalen Zusammenhang zulässt. Das bedeutet, dass sich hier nur zeigen lässt, dass bestimmte Ausprägungen in gleicher Weise zusammenhängen („steigt das eine, steigt auch das andere“). Keinesfalls aber lässt sich dies so interpretieren, dass professioneller Fußball zu einer Depressionserkrankung führt.

2.) Es handelt sich um eine ausgesprochen selektive Stichprobe – eben: ehemalige Fußballer. Große Teile der Stichprobe sind erst kürzlich aus dem Leistungssport ausgestiegen. Somit stellt sich für mich eher die Frage, ob genau dieser Aspekt diesen oben genannten Zusammenhang moderiert und nicht der Beruf des Fußballspielers.

3.) Aufgrund dieser Tatsache verbietet sich ein Vergleich mit Normwerten aus der nicht professionell fußballspielenden Bevölkerung. Man würde für einen Vergleich eine vergleichbare Stichprobe aus den Normwerten benötigen (also z.B. Personen, die erst kürzlich aus dem Berufsleben ausgeschieden sind und die was Status und gesellschaftliche Stellung vergleichbar sind). Dies zeigt eben auch, dass es sich bei der Stichprobe (höchstwahrscheinlich) um eine nicht repräsentative Stichprobe von Fußballprofis handelt.

4.) Und nicht zuletzt kann man trefflich darüber diskutieren, wie gut die Auswahl der genutzten Fragebögen war. Aber an dieser Stelle möchte ich jetzt keine weitere, tiefere, wissenschaftliche Diskussion führen.

Die Rolle der Journalisten

Interessant ist aus meiner Sicht eigentlich weniger die Tatsache, dass die Autoren, also die Kollegen Wissenschaftler, diese Studie so durchgeführt und zusammengeschrieben haben. Dr. Vincent Gourtebage et al. sind sich der methodischen Schwächen ihrer Studie bewusst und beschreiben diese in ihrem Manuskript auch. Was aber treibt einen ARD-Journalisten der Plattform www.sportschau.de an, diese Studie sehr prominent auf dieser Seite zu platzieren und diese Daten eben genau so zu deuten, dass man als Informationskonsument ohne wissenschaftliche Ausbildung annehmen muss, dass Profi-Fußballer zumindest zu 30% gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken? Liegt hier eine nicht ausreichende wissenschaftlich fundierte Ausbildung der Journalisten zu Grunde? Oder ist es eben nur das „Platzieren eines Themas“, welches garantiert öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt? Oder aber ist die Begründung in der Tatsache zu suchen, dass sich die Produktionsbedingungen bereits radikal geändert haben: Fehlende zeitliche und personelle Ressourcen für Recherche sowie gefühlter zeitlicher Druck durch das Medium Internet sind vielleicht mitverantwortlich, dass möglicherweise fehlerhaft konstruierte Agenturmeldungen relativ unkritisch für die eigenen Publikationen übernommen werden.

Journalisten haben meines Erachtens eine sehr mächtige Position. Sie können mit ihren Publikationen die öffentliche Meinung beeinflussen und ich bin mir manchmal nicht sicher, ob sich die Journalisten dieser ethisch-moralische Verpflichtung, die sie gegenüber der Öffentlichkeit haben, immer bewusst sind. Unter dem Strich bin ich sehr gespannt, wie mit dem Thema nun weiter umgegangen wird. Selbstverständlich würde es mich freuen, wenn im Profi-Fußball die Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen weiter steigt. Fade und bedenklich finde ich aber den Beigeschmack, dass dazu offenbar die Depression zur Volkskrankheit unter Fußballern erklärt werden muss. Denken wir hier nämlich mal weiter, heißt das nichts anderes als das Leistungs- und Hochleistungssport per se psychisch krank mache.

Literatur

Gourtebarge, V., Aoki, H., Kerkhoffs, G.M. (in press). Prevalence and determinants of symptoms related to mental disorders in retired male professional footballers.

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4 Kommentare

  1. […] Der Profi-Fußball macht also krank? „Quatsch“, dachte Prof. Dr. Oliver Stoll und ging der Studie auf den Grund. In seinem aktuellen Blog-Beitrag ordnet er die wissenschaftliche Arbeit von FIFPro-Chefmediziner Vincent Gouttebarge ein und kritisiert die Medien hinsichtlich eines unkritischen Umgangs mit Studien und Forschungsarbeiten: Macht Fußball depressiv? […]

  2. ich bin im Amateur Fussballgeschäft “groß” ( 55 Jahre ) geworden und kenne viele aktive Spieler und ehemalige Spieler, da ist keiner depressiv.

    Da will mal wieder einer…

    Übrigens ein interessanter Blog.

  3. Hallo Erwin Häcker, ka genau das ist auch mein Eindruck. Manchmal möchten Kollegen und Journalisten einfach ein Thema platzieren, ohne dass es wirklich einen datenbegründeten Hintergrund gibt. Weiterhin Viel Spaß beim kicken :-)! Oliver Stoll

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