Elvina Abdullaeva: Ohne Angst zum Kopfball

Kürzlich kam ein Fußballer mit dem Problem zu mir, dass er schon seit langem den Kopfball nicht richtig spielen könne. Wir fingen an zu analysieren und es stellte sich schnell heraus, dass er eine Verletzung nicht überwunden hatte. Seit einem Zusammenprall beim Kopfball mit zwei weiteren Spielern, bei dem er eine Gehirnerschütterung davontrug und bis heute auf keinerlei Erinnerung mehr an das Spiel zurückgreifen kann, hat er Angst beim Kopfball.

Zum Thema: Wie es gelingt, die Angst vor einer erneuten Verletzung zu überwinden?

Es kommt oft vor, dass ein Sportler nach einer Verletzung nicht wieder auf sein Leistungsniveau kommt. Mannschaftsärzte, Physiotherapeuten und Konditionstrainer stellen zwar fest, dass der Athlet wieder absolut gesund ist, allerdings liefert dieser nicht die gewünschte Leistung. Trotz eines effektiven Heilungsverlaufes wird der Wiedereinstieg also verzögert. Oft kann die Sportpsychologie in solchen Fällen helfen. Denn oftmals ist die Angst, sich erneut zu verletzen einer der wichtigsten Gründe, weswegen Sportler ihre Leistung nach einer körperlichen Verletzung nicht schnell und ganz entfalten können. Sie spielen sehr vorsichtig und trauen sich weniger zu. Oft kann sich diese Sache lange hinziehen und einen dauerhaften negativen Einfluss auf die Gesamtleistung haben. Auch in unserem Fall hat der junge Spieler erst nach langer Zeit ein Gespräch gesucht, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Gegen Angst hilft ein gutes Wort

Der Fußballer hatte also Angst, mit dem Kopf in den Zweikampf zu gehen. Wenn eine Flanke kam, drehte er sich immer weg. Die Aufgabe war klar: Der Spieler sollte sich von der Angst befreien und statt solche Situationen zu meiden, bis zum Ende bei der Sache bleiben und den Kopfball spielen. Wie kann man seine Angst überwinden, wenn sich bereits ein „sicheres“ Verhaltensmuster festgesetzt hat? In der Psychologie gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie und mit welcher Intensität man mit der Angst arbeitet. Es hängt natürlich vom Schweregrad dieser Ängste ab. Was auch immer diese Ängste sind, die Hauptidee bei der Angstbewältigung besteht darin, dass der Mensch sich der angstauslösenden Situation stellt (Morschitzky, 2009). Auch unser Spieler hat nun nach einer entsprechenden Sitzung entschieden, sich bewusst der Angst zu stellen. Dafür erarbeitete er für sich einige Trainingsmethoden, wo er das Besprochene unmittelbar üben konnte. Obwohl eine künstliche Nachstellung von Aktionen im Training nicht immer getreu einer Aktion im Spiel ist, ist es schon ein guter Anfang, sich in einer unbequemen Situation auszuprobieren und ein neues Verhaltensmuster auszuüben.

Der Fußballer sollte einen Kampf mit anderen Spielern inszenieren. Er hat versucht sein „Problem“ mit Spielfiguren darzustellen und übte gezielt, gegen die Plastikgegner zu spielen. Es ging darum, ein Schlüsselmittel zu finden, dass ihm helfen konnte, auf die mittlerweile gewohnten Reaktion zu verzichten und trotz aller Angst in den Zweikampf zu gehen. Für unseren Spieler fanden wir diesen Schlüssel in der „Methode der Selbstbekräftigung“ (Stoll et al., 2010). Diese Methode hat das Ziel, das Selbstvertrauen und die Motivation zur Problemüberwindung zu steigern. Durch gezielte Konzentration auf die wesentlichen Aspekte und bestimmte Selbstgespräche lenkt der Mensch seine Aufmerksamkeit auf positive und helfende Aspekte. Nun hat der Spieler konkrete Schlüsselwörter für sich ausgesucht: „selbstbewusst“„keine Angst“„gerade hoch“. Durch solche Kommandos hat er sein Problem kurz vor einem Kopfball ins Gedächtnis gerufen und somit konzentriert gegen die Angst angekämpft. Diese Worte erinnerten ihn daran, wie er sich verhalten soll. Und zur größten Verwunderung des Spielers hat diese Technik in Verbindung mit einigen Trainings auf dem Platz ihm geholfen, seine Angst zu überwinden. Schon kurz danach konnte er sicher mit dem Kopf spielen und Tore schießen.

Sportpsychologie kann die Rehabilitation beschleunigen

Das ist ein sehr gutes Beispiel, welches die Rolle der Psychologie in dem Rehabilitationsprozess nach einer Verletzung spielen kann. In dem Fall reichte nur eine Sitzung aus. Natürlich heißt das nicht, dass es immer so schnell gelingt, Ängste in den Griff zu bekommen. Es verdeutlicht aber, dass das mentale Begleiten die Rehabilitation beschleunigen kann. Auch der Held dieser Geschichte betont, dass genau die mentalen Aspekte ihm den fehlenden Impuls gegeben haben, um das Problem zu lösen: „Am meisten hat es mir geholfen, sich in jeder Situation durch meine unterstützenden Worte ins Gedächtnis zu rufen, wie man den Kopfball macht.“ Solche gezielten psychologischen Techniken entfernen die Blockade und lassen die Person das machen, was sie im Prinzip machen kann.

Weiterhin muntert der Spieler alle anderen Sportler und Trainer auf, sich auch eine sportpsychologische Hilfe nach einer Verletzung zu holen: „Ich empfehle einfach andere Sachen auszuprobieren. Ganz ehrlich, ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das Problem so schnell in den Griff bekomme. Ich konnte den anderen sagen, dass wenn sie auch so was Ähnliches nach der Verletzung durchleben und selbst mit der Situation nicht klar kommen, dann sollen sie sich andere Meinungen von Spezialisten einholen. Offen gegenüber neuen Methoden zu sein, lohnt sich. Bei mir hat es funktioniert“.

Quellen:

Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. 4. Aufl.Wien: Springer.

Stoll, O., Achter, M. & Jerichow, M. (2010). Vom Anforderungsprofil zur Intervention. Eine Expertise zu einem langfristigen sportpsychologischen Beratungs- und Betreuungskonzept für den Deutschen Schwimm-Verband e.V. Köln: Sportverlag Strauß.

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1 Kommentar

  1. […] Folgende Empfehlungen lassen sich auf den Fußball übertragen: Schauen Sie sich regelmäßig Videos eigener und fremder Handlungen an, zum Beispiel vor wichtigen Wettkämpfen. Wichtig dabei ist, sich ein Video anzuschauen, dass eine gelungene Aktion wiederspiegelt und bereits persönlich erlebt wurde. Des Weiteren ist dies auch in der reinen Vorstellung möglich. Man stellt sich vor, wie man selbst eine bevorstehende Aktion erfolgreich meistert. Diese Technik ist in der angewandten Sportpsychologie ein gängiges Mittel und wissenschaftlich bewiesen worden (Mayer, Hermann, 2011; Munroe-Chandler, Hall, Fishburne, 2008). Fördernd diesbezüglich können auch die sogenannten Effekte des Priming sein (Bargh, Chen, Burrows 1996). Allein die Beschäftigung mit bestimmten Wörtern oder Wortlisten können das Verhalten eines Fußballers positiv beeinflussen. Die nun folgende dritte Quelle zur Verbesserung der Kompetenzüberzeugung ist die sprachliche Überzeugung, die auf das Priming aufbaut (siehe auch Elvina Abdullaeva: Ohne Angst zum Kopfball). […]

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