Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Gefahr im Flow

Kürzlich fand in den franzöischen Alpen der sogenannte UTMB statt. Der Ultra-Trail du Mont-Blanc   ist ein Ultramarathon, der auf Trails von Chamonix aus entgegen dem Uhrzeigersinn rund um die Mont-Blanc-Gruppe führt. Erstmals 2003 ausgetragen und von den Trailers du Mont Blanc organisiert, zählt er mit einer Streckenlänge von ca. 168 km, mehr als 9000 zu überwindenden Höhenmetern und einem Zeitlimit von 46 Stunden zu den anspruchsvollsten Bergmarathons weltweit. Fast gleichzeitig startete der Transalpine-Run, ein 8-Tage-Etappen-Rennen über das Alpenmassiv. 

Zum Thema: Warum Flow-Zustände eine Medaille mit zwei Seiten darstellen?  

Während solcher Wettkämpfe berichten Athleten oftmals von sogenannten Flow-Erlebnissen. Dieses Phänomen ist schon länger Gegenstand sportpsychologischer Forschung und Anwendung. Die Arbeiten von Csikszentmihalyi (1975) stellen den Ausgangspunkt der mittlerweile vier Jahrzehnte währenden Forschung zum Flow-Erleben dar. Sein Flow-Konzept stößt vor allem in jenen Anwendungsfeldern auf großes Interesse, die nach motivationspsychologischen Erklärungen für die Aufnahme und Aufrechterhaltung selbstbestimmter und auf Vergnügen abzielender Aktivitäten suchen.

Csikszentmihalyi schreibt das Auftreten von Flow-Erfahrungen nicht einer besonderen Tätigkeitsform zu, sondern versteht es als ein generelles Phänomen, das Menschen erleben können, wenn sie in ihrer Tätigkeit völlig aufgehen. In der wettkampforientierten, sportpsychologischen Anwendung gilt das Erreichen sogenannter Flow-Zustände als ein erstrebenswerter Zustand. Gerät ein Athlet in einen solchen Flow-Zustand, dann erlebt er den dies als sehr befriedigend, glatt laufend und sehr effektiv ohne willentliche Kontrollnotwendigkeit. Rheinberg bezeichnet Flow als „den Zustand des reflexionsfreien, gänzlichen Aufgehens in einer glatt laufenden Tätigkeit“ (Rheinberg, 2004, S. 156).

Die präfrontale Hirnregion wird herunter reguliert

In Csikszentmihalyis ursprünglichem Modell (1975) stellt sich der Flow-Zustand nur in einem begrenzten Bereich ein – dem Flow-Kanal. Dazu muss die Anforderung der zu bewältigenden Aufgabe im Gleichgewicht mit der eigenen Fähigkeitsbeurteilung liegen. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt wird, dann erlebt der Handelnde entweder Langeweile (Fähigkeiten übersteigen die Anforderungen) oder Angst (Anforderungen liegen deutlich über den Fähigkeiten). Lange wurde ein Zusammenhang zwischen dem Erreichen solcher Zustände und dem sportlichen Leistungserfolg angenommen, empirisch ist dieser Zusammenhang jedoch nicht konsistent nachweisbar. Eindeutig nachgewiesen ist jedoch, dass Athleten, die diese Flow-Erfahrungen erleben diesen als sehr befriedigend und angenehm empfinden. Mitunter werden diese Zustände auch als „Glücksmomente“ beschrieben. Dies kann als die „goldene Seite dieser Medaille“ bezeichnet werden.

Andererseits wissen wir aber auch, dass bei Personen, die diesen Zustand erleben, die präfrontale Hirnregion herunter reguliert  ist. Diese Hirnregion ist verantwortlich für rationale Analyse auftretender Probleme sowie generell für das bewusste Steuern und Regulieren von Konzentration und Aufmerksamkeit (Dietrich & Stoll, 2010)  und genau dies kann dazu führen, dass Athleten in solchen Zuständen nur unzureichend schnell oder gar nicht wichtige Entscheidungen fällen oder gefährliche Situationen falsch einschätzen. Während Läufen durch alpines Hochgebirgsgelände kann dies dramatische Folgen nach sich ziehen. Flow-Erlebnisse sind somit ambivalent einzuschätzen. Sie helfen die Motivation aufrecht zu erhalten, können aber mitunter auch dazu führen, dass insbesondere in sportlichen Leistungssituationen nicht die notwendige kognitive Fähigkeit vorhanden ist, um siegen zu können – Flow-Erlebnisse sind Medaillen mit zwei Seiten.

Quellen:

Csikszentmihalyi, M. (1975). Beyond boredom an anxiety. San Francisco: Jossey-Bass.

Dietrich, A. & Stoll, O. (2010). Effortless Attention in Sports Performance. In B.J. Bruya (Ed.), Effortless Attention: A New Perspective in the Cognitive Science of Attention and Action (pp. 159-178).Cambridge:  MIT Press

Rheinberg, F. (2004). Motivation (5. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

 

 

 

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