Prof. Dr. Oliver Stoll: Brasiliens Feuerwehr

Bis zum Viertelfinale gegen Kolumbien wirkten die Brasilianer bei ihrer Heim-WM sichtlich verkrampft. Nach dem erst im Elfmeterschießen gewonnenen Achtelfinale gegen Chile wurde bekannt, dass kurzfristig eine Sportpsychologin für das Team organisiert worden sei. Aufgabenstellung: Die brasilianische Mannschaft solle von dem immensen Druck befreit werden, der die Spieler von Trainer Felipe Scolari lähme. Mit der Brasilianerin Regina Brandao arbeitet der erfolgreiche Trainer schon seit 20 Jahren zusammen, allerdings nicht regelmäßig. Weltstars, wie der im Viertelfinale schwer verletzt ausgeschiedene Neymar, waren nach den ersten Gesprächen voll des Lobes und bekannten, bislang noch nie mit einem Sportpsychologen zu tun gehabt zu haben.

Zum Thema: Der Sportpsychologe als „Feuerwehr“ ist keine funktionierende Funktion

Oftmals werden Sportpsychologen erst dann „engagiert“, wenn eigentlich schon alles zu spät ist. Auch in meiner eigenen sportpsychologischen Praxis werde ich oftmals aus einer solchen Situation heraus angerufen. Es gibt nicht wirklich viele Situationen, in denen Sportpsychologen kurzfristig – also akut – wirklich wirksam werden können. In den allermeisten Fällen ist dies eher zum Scheitern verurteilt.

Sportpsychologisches Training zeichnet sich durch ein systematisches und zielgerichtetes Vorgehen aus. Dabei spielt eine Eingangsdiagnostik eine zentrale Rolle, um ein Problem- und/oder Optimierungsfeld erst einem klar erkennen zu können. Im Anschluss daran wird – mitunter auch gemeinsam mit Trainer – auf alle Fälle aber mit dem Athleten ein sportpsychologisches Trainingsprogramm entwickelt, welches dann umgesetzt wird. Abschließend erfolgt auch immer eine Erfolgskontrolle.

Dabei heißt „Erfolg“ nicht zwingend, dass im Anschluss an das sportpsychologische Training eine Medaille gewonnen oder ein Spiel gewonnen wird. Psychologische Wirksamkeitskriterien sind sehr viel komplexer und basieren oftmals auf lediglich einer positiven Wahrnehmung dieses Trainings aus Sicht des Athleten. Es liegt auf der Hand, dass sich dieser Prozess nicht in zwei bis drei Tagen umsetzen lässt. Auch wenn man eine sportpsychologische Maßnahme lediglich auf einen Coachingprozess reduziert, laufen diese „Feuerwehrmaßnahmen“ zumeist ins Leere, denn es dauert mehrere Tage, bis ein Sportpsychologe die Spieler und Offiziellen einer Mannschaft kennen gelernt, Vertrauen aufgebaut und auch das Umfeld verstanden hat, in dem eine Problemlage entstanden ist. Oftmals ist nicht ein Problem bedeutsam, dass ein einzelner Athlet hat, sondern es ist das direkte soziale Umfeld, das für ein Problem verantwortlich ist und in einem solchen Fall müssen eher systemische Lösungen her. Auch diese Methoden lassen sich nicht in drei bis vier Tagen umsetzen.

Nervenstarkes Deutschland

Seit einige wenigen Jahren wird gerade in Deutschland deutlich mehr Wert auf eine sehr frühe sportpsychologische Ausbildung der Athleten Wert gelegt. Hier erlernen 12- bis 14-jährige Athletinnen Grundlagen der Regulierung ihrer Nervosität sowie ihrer Gefühle sowie Trainingsverfahren (hauptsächlich unter Nutzung ihrer „Vorstellungsfähigkeit“), die ihnen helfen, neue Bewegungsmuster zu erlernen oder vorhandene zu stabilisieren. In Deutschland hat man das erkannt. Nicht nur der Deutsche Fußball Bund macht eine sportpsychologische Betreuungs- und Beratungsmöglichkeit zur Förderung von Leistungszentren als Pflichtkriterium zur Auflage. Auch in anderen Sportspitzenverbänden wird mittlerweile auf eine gute und nachhaltige sportpsychologische Ausbildung schon im Nachwuchsbereich Wert gelegt. In der aktuellen Berichterstattung von der Fußball-WM ist dies durchaus abzulesen: Denn international wird Joachim Löws Mannschaft für ihre „Nervenstärke“ gelobt. Daran hat der seit 2004 ständig mit der Nationalmannschaft arbeitende Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann sicher einen Anteil.

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