Thorsten Loch: Leistungsabfall unter Druck

„Katastrophal“. Das war der einzig für Alexander Zverev zulässige Begriff für die Beurteilung seiner Leistung in der zweiten Runde der US Open, welcher der Hamburger im Jahr 2017 ursprünglich gewinnen wollte. Mit 6:3, 5:7, 6:7(1), 6:7(4) verlor die neue deutsche Tennishoffnung gegen Borna Coric aus Kroatien. Der 20-jährige Zverev gehört zweifelsohne zu den besten Spielern auf diesem Planeten. Jedoch stelle ich mir die Frage, weshalb er trotz seines Talents, dem Ehrgeiz und den ersten Erfolgen auf größeren Turnieren bis dato noch nie die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht hat? Es scheint so, dass ausgerechnet dann, wenn es besonders wichtig ist und/oder es gerade nicht seinen Vorstellungen läuft, Zverev zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Dieses Problem hat der Hamburger aber nicht exklusiv.

Zum Thema: Welche Ursachen sorgen dafür, dass so genanntes Choking under pressure entstehen kann?

Auszug aus dem Filmbeitrag Im Körper der Topathleten (Arte 2008):

„Nach einer nur vierjährigen Sprinterlaufbahn lief Asafa Powell 2005 seinen ersten 100-Meter-Weltrekord: 9,77 Sekunden. Im darauffolgenden Jahr gelang ihm die gleiche Zeit noch zweimal. Im September 2007 brach er dann mit schier unglaublichen 9,74 Sekunden seinen eigenen Rekord. Damit stellte Powell als erster Athlet überhaupt vier offiziell anerkannte Weltrekorde auf. Als Powells Stärke gilt sein explosionsartiger Start. In der zweiten Hälfte der Kurzdistanz ist seine Sprinttechnik durch eine Kombination von langen und schnellen Schritten gekennzeichnet… Asafa Powells athletischer Körper ist für den Sprint wie geschaffen, doch Goldmedaillen und olympische Ehren blieben dem Athleten bisher versagt. Warum gewinnt er keine großen Wettkämpfe? Spezialisten erklären dies damit, dass Powell möglicherweise an muskulärer „Koativierung“ leidet, einem oft durch Extremstress verursachten Phänomen. Wenn ein Läufer unter großen psychischen Druck steht und sein Gehirn seinen Muskeln befiehlt, sich immer schneller zu bewegen, kann es durch diese Signale zu einer Störung der natürlichen, rhythmischen Muskelaktivierung kommen.“

In der Literatur lassen unterschiedliche Erklärungsansätze für jenen Leistungsabfall finden. Eine unter ihnen, ist die so genannte Selbstaufmerksamkeit, welche postuliert das Choking auf einem Anstieg dieser beruht. Der wahrgenommene Druck führt dazu, dass Angst vor dem Versagen entsteht, die wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit auslöst. Der Beginn des Teufelskreises. Erhöhter Selbstaufmerksamkeit hat zur Folge, dass die Bewegung (z.B. Aufschlag) nicht mehr automatisiert ausgeführt wird, sondern die Athleten plötzlich bewusst darauf achten, wie die Bewegung ablaufen soll(te). Sie denken also über die Bewegung bewusst nach. Paradoxerweise zieht eine erhöhte Aufmerksamkeit nach sich, dass Bewegungen nicht optimal ablaufen können und somit die Performance stören. Wie an dem Beispiel Powell beschrieben wird dieses kognitive Eingreifen in bereits auf automatisiertem Niveau ablaufende Bewegungen als Koaktivierung beschrieben. Bei Zeverev konnte man beobachten, dass er mit jedem Fehler wütender und verkrampfter wurde.

„Wenn es dann nicht perfekt läuft, dann macht er sich Gedanken.“

Bruder Mischa Zverev

Was kann man tun, wenn man unter Druck zu einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit neigt und diese den Leistungsabfall verursacht?

Die erlebte Misserfolgsangst sorgt dafür, dass der Fokus auf mögliche Fehler gerichtet wird, die unbedingt vermieden werden sollen. Sätze wie „Jetzt bloß keinen Doppelfehler machen“ nähren den Boden für Vermeidungshandlungen, die sich in die üblichen Handlungsketten einschleichen und die optimale Ausführungen stören (Stichwort: selbsterfüllende Prophezeiung). Was ist nun zu tun bei Athleten, die aufgrund des wahrgenommenen Drucks glauben, Erfolg haben zu müssen bzw. keinen Misserfolg zulassen dürfen. Der Schlüssel liegt in der kognitiven Kontrolle.

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Zum einen kann auch hier das Training von Drucksituationen sinnvoll sein, etwa indem im Training Wettkampfdruck erzeugt wird oder plötzliche kritische Situationen geübt werden (z.B. Anwesenheit wichtiger Beobachter). Zusätzlich sollten Athleten lernen, eine Kurzentspannung im Wettkampf anwenden zu können, beispielsweise Atementspannung oder eine kognitive Entspannungsroutine (z.B. Selbstinstruktion „ganz ruhig“). Beckmann und Elbe (2008) sprechen in diesem Zusammenhang von so genannten Grundlagenfähigkeiten, welcher jeder Sportler beherrschen sollte. Darüber hinaus können Selbstinstruktionen helfen, die die automatisierte Bewegung unterstützen. Es gibt eine Vielzahl von Techniken, wie man so genannte Selbstgespräche konstruktiv regulieren kann (vgl. Leisinger, 2008). Allerdings ist sich nicht jeder Athlet sich seiner Selbstgespräche bewusst. In einem ersten Schritt geht es darum, den Sportler für seine Selbstgespräche zu sensibilisieren. Um z.B. einer Golferin deutlich zu machen, wie häufig sie negative Gedanken in Form von Selbstgesprächen auf dem Golfplatz mit sich herumträgt, haben Owens und Bunker (1989) sie aufgefordert, 100 Papierschnipsel in ihre vordere Hosentasche zu stecken, mit der Anweisung, nach jedem negativen Gedanken einen Papierschnipsel rauszuziehen und in die hintere Hosentasche zu stecken. Nach einer Platzrunde mit 84 Schlägen hatten sich 87 Papierschnipsel in der hinteren Tasche gesammelt. Ist sich der Sportler seiner Selbstgespräche bewusst, kann mit dem eigentlichen Training begonnen werden.

Selbstgesprächsregulation

Stellvertretend für eine Möglichkeit der Selbstgesprächsregulation wird die Umwandlung vom negativen zum positiven Selbstgespräch näher erläutert. Weinberg (2007) empfiehlt hierfür folgende Vorgehensweise: Zuerst sollen alle negativen Gedanken, die die sportliche Leistung beeinträchtigen oder die zu unerwünschtem Verhalten führen, aufgelistet werden. Ziel ist es, Situationen und Ursachen negativer Gedanken zu erkennen. Dann soll die negative Aussage durch eine positive ersetzt werden und in einer Tabelle gegenübergestellt werden.

Folgende Richtlinien sollten nach Weinberg (2007) beachtet werden:

  1. Erst im Training und dann im Wettkampf üben, die meisten negativen Gedanken entstehen unter Stress.
  2. Versuche den stressverursachenden negativen Gedanken für einen Moment festzuhalten und anschließend tief einzuatmen.
  3. Tief ausatmen und den positiven Gedanken wiederholen.

Fazit

Vor Leistungsabfall unter Druck ist niemand gefeit. Je nach Sportart und Wettkampf kann dies auch durchaus als normale Begleiterscheinung gelten. Entscheidend ist jedoch, sich während des Wettkampfs wieder zu fangen. Dazu bietet die angewandte Sportpsychologie dem Athleten unterschiedliche Trainingstechniken und Möglichkeiten. Das diese durchaus möglich ist und nicht nur graue Theorie, zeigt uns Roger Federer. Zu Beginn seiner Karriere schimpfte dieser ebenfalls des Öfteren über einfache Fehler und verhalf dem Gegner somit zu leichten Punktgewinnen. Beobachtet man nun diesen zugegebenermaßen Ausnahmeathleten, gewinnt man bei ihm nie den Eindruck – auch wenn es einmal nicht so läuft – dass er nervös wird und Angst vor dem Verlieren hat.

Entscheidend für Zverev ist jedoch die Tendenz, welche hoffen lässt. Der Vergleich seiner Leistungen aus den vorherigen Jahren, gelingt es ihm schon besser, mit Misserfolgserlebnissen umzugehen. Wir dürfen gespannt sein, ob Zeverev es gelingt, seinen Traum zu verwirklichen, denn das Potential dazu hat er allemal, wenn er sich die Entwicklung von Roger Federer zum Vorbild nimmt.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Owens, D./Bunker, L. (1989). Golf: steps to success. Leisure Press, University of Virginia.

Weinberg, R. S. (2007). Foundations of sport and exercise psychology. (4. Ed.) Champaign, IL: Human Kinetics.

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