Thorsten Loch: Sexy wie ein Zahnarzt – warum Sportpsychologen in der Rehabilitation dennoch so wichtig sind

Aufgrund von einer Vielzahl von Blessuren und Verletzungen beendete Stefan Reinartz, der ehemalige Profi u.a. von Bayer Leverkusen, seine Karriere bereits mit 27 Jahren. In einem sehr interessanten Zeitungsinterview mit der Süddeutschen Zeitung schildert er seine Eindrücke von dem Geschäft Bundesliga und gibt zugleich einen Ausblick, was anders laufen müsste, auch im Hinblick auf den Umgang mit der Sportpsychologie.

Zum Thema: Wie Befürchtungen und Ängste den verletzten Sportler in der Rehabilitationsphase beflügeln aber auch behindern können.

„Wenn du verletzt bist, bist du nicht existent.“ Stefan Reinartz

Verletzungen bergen immer ein großes Maß an Risiko. Den genauen Heilungsverlauf zu prognostizieren vermag kein Arzt, geschweige ein Trainer, vorherzusagen. Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Der vermeintlich „normale“ Prozess über Arzt, Spieler und Trainer wird beschleunigt. Anstelle der Expertenmeinung eines Mediziners abzuwarten und Rücksprache mit dem Spieler zu halten, versuchen Trainer diese bereits frühzeitig auf ihre Seite zu ziehen, so Reinartz im bemerkenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung. Trainer setzen somit die Spieler unter Druck, was dazu führen kann, dass diese die Warnsignale ihres Körpers bewusst zu verdrängen versuchen (Stichwort: Schmerzmittelmissbrauch).

Reinartzs Erfahrungen sind beinahe deckungsgleich mit meiner Sichtweise bezüglich der fehlenden Wertschätzung in der Verletzungsrehabilitation, die ich in einem Text aus dem Jahr 2016 darstellte:

Thorsten Loch: Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation

Sicherlich stehen Trainer unter enormen Erfolgsdruck. Dementsprechend sind ihre Ziele eher kurzfristig angelegt (nächste Spiel ist das wichtigste). Doch haben – oder vielleicht besser: sollten – diese nicht auch Verantwortung dem Spieler gegenüber, insbesondere aus gesundheitlicher Sicht? Was sie aber damit bei dem Spieler bewirken und welchen langfristigen negative Effekte davontragen, wird oft nicht bedacht.

Was wir werden? Befürchtungen und Ängste bei Sportlern

Die Ungewissheit über den Heilungsverlauf ist ein großer, wenn nicht sogar entscheidender Faktor für die Entstehung von Ängsten. Insbesondere in der frühen Phase des Heilungs- und Rehabilitationsprozesses sind Ängste und Befürchtungen die häufigsten emotionalen Beeinträchtigungen (vgl. Hermann/Eberspächer, 1994). Diese manifestieren sich bei den Sportlern in der Form von Befürchtungen, nicht wieder richtig gesund zu werden, den Anschluss zu verlieren oder gar die aktive Karriere beenden zu müssen (vgl. Kleinert, 2003).

Doch Angst hat in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich einen negativen Einfluss auf uns. Die Assoziation Angst gleich etwas Unschönes oder Störendes ist keine Gleichung, die aufgeht. Ängste besitzen durchaus notwendige und positive Funktionen. So führt Angst zu einem vorsichtigen und schonungsvollen Umgang mit den verletzten Körperstrukturen. Die Besorgnis lenkt unser Verhalten dahingehend, dass den medizinischen Anweisungen Rechnung getragen wird und dieser eher befolgt werden. Kurzum: Angst sorgt dafür, dass der Athlet sich vermehrt um seinen Körper kümmert. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn ein gesundes Maß dieser Empfindung nicht überschritten wird. Zu viel Druck und damit verbundene Angstgefühle lösen unbedacht Reaktionen aus, welche unter Umständen den Heilungsprozess behindern können.

Stimmungstagebuch als effektives Tool

Zu viel Erregung führt zu Verspannungen und Verkrampfungen und beeinträchtigt so maßgeblich der Heilungsverlauf. Mit einem frühzeitigen Wiedereinstieg in den Trainingsalltag verbindet sich also zwangsläufig eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Folgeverletzung. Um zu erkennen, ob Angst und Erregtheit einen negativen oder positiven Effekt auf den Rehabilitationsprozess haben, muss der verletzte Sportler in sich hineinhorchen.

Kleinert (2003) empfiehlt in diesem Zusammenhang, für die so genannte Introspektion, ein Stimmungstagebuch (siehe Tabelle 1). Damit wird dem Sportler ein Werkzeug in die Hand gelegt, um zu überprüfen, in welche Richtung ihn seine Emotionen führen.

Tabelle 1: Stimmungstagebuch

  • Wie oft habe ich heute an Dinge gedacht, die mir Sorgen machen, und wie oft an Dinge, die mir Freude machen?
  • An wie viele Schwierigkeiten und Probleme habe ich heute gedacht und an wie viele Lösungsmöglichkeiten und Chancen?
  • Worüber war ich heute enttäuscht, und was hat mich zufrieden  froh gemacht?
  • In welchen Situationen habe ich mich heute schlecht gefühlt, in welchen ging es mir gut?
  • Wann war heute besonders ruhig und wann besonders nervös und aufgeregt?
  • Alles in allem: Was hat heute überwogen:
  1. Die Sorgen, Schwierigkeiten, Enttäuschungen, schlechten Gefühle und Aufregungen oder
  2. Die Freude, Erfolge, Zufriedenheit, positiven Gefühle und ruhigen Augenblicke?

Sonderrolle Trainer

Weisen die Antworten über mehrere Tage tendenziell eine negative Richtung auf, so kann ein Gespräch mit einem vertrauen Menschen aus dem näheren Umfeld, dem man gleichzeitig auch eine entsprechende Kompetenz zuschreibt, helfen. Diese Person kann aus dem privaten, sportlichen oder medizinischen Umfeld kommen. Hier kommt dem Trainer eine besondere Rolle zu. Dieser kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass die Ängste und Befürchtungen sich positiv auf den Heilungsverlauf auswirken können. Übungsleiter können dem verletzten Sportler signalisieren, dass sie auf ihn zählen, jedoch ihm die nötige Zeit geben werden, wieder vollkommen fit auf das Spielfeld zurückzukehren. Dass dies teils im Profigeschäft anders läuft, damit hat Reinartz seine Erfahrungen gemacht:

Als Spieler bist du im Grunde nur eine Funktion. Trainer haben ja in ihren Büros eine Taktik-Pinnwand. Da sind Zettel mit den Namen aller Spieler aus dem Kader drauf. Wenn sich einer verletzt, verschwindet der Name einfach, das hab ich schon oft gesehen. Ob der Trainer den Zettel in eine Schublade legt? Du bist dann jedenfalls kein Mensch seiner Gemeinschaft mehr. Wenn du verletzt bist, bist du für den Trainer nicht mehr existent.“

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Sexy wie ein Zahnarzt

Eine weitere Möglichkeit wäre, sich mit einem in der Praxis tätigen Sportpsychologen zusammen zu setzen. Dass in diesem Bereich noch viel getan werden muss, sieht Reinartz ebenso. Die Notwendigkeit eines sportpsychologischen Trainings wird gesehen, jedoch hapert es häufig an Umsetzung.

“Was total vernachlässigt wird, ist, dass es vor allem mentale Gründe geben kann, warum sich ein Spieler verletzt. Es sagen zwar alle, Sportpsychologie ist total im Kommen und Mentaltraining ist total wichtig im Fußball, aber es hat sich auf dem Feld in den vergangenen fünf Jahren sehr wenig getan. Die Vereine wissen, wir müssen da was machen, und der Trainer findet das eigentlich auch gut, aber auch nur eigentlich. Er sagt dann Sätze zur Mannschaft wie: Wir haben einen Sportpsychologen, wenn ihr ein Problem habt, wisst ihr, wo er ist. Nach dieser Anmoderation ist ein Sportpsychologe dann bei den Spielern in etwa so cool angesehen wie ein Zahnarzt.”

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Fazit:

Das Phänomen Verletzung und die Auswirkungen auf die verschiedenen Systeme (Verletzung als bio-psycho-soziales Phänomen gesehen) der Athleten offenbaren, dass eine ganzheitliche Rehabilitation sich nicht ausschließlich auf die physiologischen Aspekte konzentrieren darf. In diesem Zusammenhang kommt dem Trainer eine entscheidende Rolle zu. Dieser kann dem verletzten Athleten die Ängste und Befürchtungen nehmen – bzw. in eine heilungsförderliche Richtung lenken –, in dem er diesen die entsprechende Zeit und Wertschätzung entgegenbringt. Zusätzlich sollte eine proaktive Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen forciert werden und nicht beiläufig erwähnt werden, damit es nicht so endet wie Reinartz treffend in der Süddeutschen mit dem Zahnarzt-Bild beschreibt.

Literatur:

Eberspächer, H./Hermann, H.D. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. Blv Buchverlag: München.

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

Interview in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/sport/stefan-reinartz-im-interview-wenn-du-verletzt-bist-bist-du-nicht-existent-1.3622410

 

Philippe Müller: Verletzungen bewältigen

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

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