Dr. René Paasch: Von wegen ein “einfacher Pass” – Exekutivfunktionen im Fußball

Eines vorweg: Das, was jetzt kommt, müssen sie wollen. Richtig wollen! Wenn sie also Fußball “nur so bei Weltmeisterschaften” beobachten, führt der Text zu weit. Sollten Sie als Spieler, Trainer oder Nerd immer den Hang haben, den Dingen auf den Grund zu gehen, lade ich Sie gern ein, den Beitrag bis zum Ende zu lesen. Bis dahin, so viel ist versprochen, wird der einfache Pass in einem Fußballspiel für Sie kein einfacher Pass mehr bleiben. Als Dankeschön für diese Willensleistung habe ich am Ende noch ein paar gut umsetzbare Übungen angeheftet, mit dem Sie aus dem Erlernten etwas für die Praxis machen können.

Zum Thema: Exekutivfunktionen im Fußball trainieren!

Also dann: Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Ein Spieler hat den Ball. Was soll er damit anstellen? Und hier fängt das Problem an. Oder besser formuliert: Der Spieler steht vor der ersten kognitiven Stufe, die es zu bewältigen gilt. Denn in derselben Zeit, in der er die aktuelle Situation zu meistern versucht, muss der Spieler wissen und sich daran erinnern, was man von ihm erwartet. Um Fußball spielen zu können, benötigt ein Spieler also die kognitiven Fähigkeiten. Wenn Sie das kurz sacken lassen, haben Sie schon jetzt eine Vorstellung davon, wie wichtig die exekutiven Funktionen im Fußball sind.

„Den Fußball von gestern sollten wir respektieren, den Fußball von heute studieren und den Fußball von morgen antizipieren!“

Bora Milutinovic (Serbischer Erfolgstrainer und Welttrainer)

Schauen wir uns das genauer an, was es mit Kognition und exekutive Funktionen auf sich hat: An erster Stelle stehen die eintreffenden Signale. Durch die Wahrnehmung empfängt der Fußballer sehr viele Signale. Es sind unglaublich viele Reize, die unsere Sinne erreichen. Bei diesem Informationsfluss entscheidet die Aufmerksamkeit und unsere Erfahrungen darüber, was unser Bewusstsein erreicht. Das Sehen – als einer der Sinne, durch die man Informationen empfängt, ist für einen Fußballspieler ein äußerst wichtiger Informationskanal. Aber nicht nur: Um das richtige Gefühl für den Ball zu bekommen, muss der Spieler außerdem auf die von seinen Füßen ausgehenden Empfindungen achten. Eine weitere wichtige Sinneswahrnehmung ist das Körperbewusstsein insgesamt, wie bspw. die Standfestigkeit.

Informationsverarbeitung

Das Hören ist eine weitere Informationsquelle. Das vom Ball ausgehende Geräusch vermittelt Informationen über Richtung und Geschwindigkeit. Der Atem anderer Spieler informiert über ihren Abstand und ihre Geschwindigkeit u.v.m. Und schließlich steht am Spielfeldrand der Trainer, der sich um die Aufmerksamkeit der Spieler bemüht. Als nächstes folgt die Informationsverarbeitung. Dabei werden die eintreffenden Signale mit früheren Erfahrungen und Kenntnissen verglichen; so kann man sich ein Bild davon machen, was vor sich geht. Versetzen Sie sich in die Lage eines Spielers: Vor sich sehen Sie einen anderen Spieler. Am Trikot können Sie sehr schnell erkennen, welche Zugehörigkeit der Spieler hat. In Ihrem Arbeitsgedächtnis vergleichen Sie die Farben, mit den Farben Ihrer Mannschaft. Vom Gedächtnis erhalten Sie die Information, dass Ihre Mannschaft in weißen Trikots spielt. Der Spieler vor Ihnen hat ein rotes Trikot. Anhand dieser Information wissen Sie also, dass es sich um einen Spieler der gegnerischen Mannschaft handelt. Sie prüfen den Zustand des Spielfelds, Ihre Körperhaltung, die Geschwindigkeit Ihres Körpers, die Position des Balles u.v.m. Schließlich werden diese Informationen im Arbeitsgedächtnis aufgenommen, um eine Gesamtanalyse zu erstellen. Darauf folgt dann die Reaktion, die Entscheidung darüber, ob Sie aufgrund der Informationen, etwas ganz bestimmtes tun oder unterlassen. Anbetracht dieser Komplexität „Exekutivfunktionen“ möchte ich Ihnen nun näheres dazu erläutern.  

Es geht um die Fähigkeit der Entscheidungsfindung. Die exekutiven Funktionen überwachen die Aufnahme der Informationen, deren Verarbeitung und das Verhalten. Der ganze Prozess ist ausgerichtet auf das Ziel. Um bei der Erreichung des Ziels möglichst erfolgreich zu sein, muss man die eintreffenden Informationen ständig aktualisieren und anpassen. Die Informationsverarbeitung muss bewertet werden sowie die Reaktion nach außen.  Bedingt durch Veränderungen des Umfelds muss man häufig zwischen verschiedenen Verhaltensweisen wechseln, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Ball und Fuß sind nur die letzten Glieder einer komplizierten Kette aus Daten, die vom Gehirn kognitiv verarbeitet werden. Heute wissen wir, dass es möglich ist, das Gehirn weiterzuentwickeln, und wir wissen auch, dass es etwas mit dem Verlegen neuer Leitungen zu tun hat. Es ist also durch Training möglich, neue Bahnen zur Erneuerung oder Erweiterung der Leistungsfähigkeit menschlicher Kognition auszubilden. Doch bevor man eine Strategie über das Training der Gehirnentwicklung entwerfen kann, muss man genauer wissen, wie das Gehirn im Fußball funktioniert.

Wie das Gehirn im Fußball funktioniert

Wer sind die Gegner? Welche Anweisungen hat mir der Trainer gegeben u.v.m? Das war ein Beispiel für die Entscheidungskette bei einem Spieler. Natürlich hatte er keine Zeit, sich dessen bewusst zu werden. Der Spieler sieht es wahrscheinlich als Instinkthandlung an, aber das stimmt so nicht, führt hier aber zu weit.

Stattdessen folgen einige Beispiele dafür, wie die exekutiven Funktionen im Fußball funktionieren. Ich starte mit Umsichtigkeit, kognitiver Flexibilität, Mehrfachverarbeitung, Inhibitorische Kontrolle, Kreativität und dem Arbeitsgedächtnis.

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Umsichtigkeit

Bevor man Handlungen im Fußball ausführt, muss man die Situation umsichtig prüfen. Das Ziel ist es, den Ball ins Tor zu bringen und schaut sich nach Mitspielern um, die einem dabei helfen können. Außerdem hält man Ausschau nach Gefahren (gegnerischen Spielern). Wir erhalten durch unsere Sinne sehr viele Eindrücke gleichzeitig, doch wenn wir all diese Informationen in unser Bewusstsein ließen, würden wir wegen Überlastung nicht weiter machen. Um zu überleben, differenzieren wir die wichtigen Informationen, die in einer bestimmten Situation bedeutsam sind. Da wir alle mit verschiedenen Genen geboren werden und in unterschiedlichen sozialen Umgebungen aufwachsen, ist die Umsichtigkeit der Menschen in verschiedener Weise ausgeprägt. Fußballspieler haben jeweils einen unterschiedlichen Blick auf das Spielfeld. Einige achten eher auf sich bewegende Gegenstände, andere schauen nach den Mitspielern, wieder andere konzentrieren sich  auf die Spieler der gegnerischen Mannschaft. Wegen der Schnelligkeit des Spiels benötigt ein Leistungskicker eine sehr schnelle Auffassungsgabe und Umsichtigkeit, die auch in der Lage sind, in einer bestimmten Situation des Spiels anzupassen.  

Kognitive Flexibilität

Im Fußball ist kognitive Flexibilität unabdingbar. Um erfolgreich zu sein, muss ein Spieler kognitiv sehr flexibel sein. Er muss den Fokus zwischen verschiedenen Spielsituationen schnell erkennen und entsprechend reagieren.  

Aber das ist noch nicht alles. Der Spieler muss auch das Umfeld prüfen (Das Spielfeld, den Wind, die Witterung usw.) Fußball ist ein schnelles Spiel, das von einer riesigen Menge verschiedener Variablen gleichzeitig beeinflusst wird. Um erfolgreich zu sein, benötigt ein Spieler eine extrem schnelle und genaue kognitive Flexibilität. Beim Fußball geht es darum, ständig den Fokus zwischen einer großen Zahl von Gegenständen und Variablen zu wechseln.  

Mehrfachverarbeitung und Inhibitorische Kontrolle

Beim Fußball dreht sich alles um Mehrfachverarbeitung. Wer im Fußball Erfolg haben will, muss in dieser Fähigkeit richtig gut sein. Beim Fußball gibt es zweiundzwanzig Spieler mit unterschiedlicher Physis, Technik und Erfahrung. Der Trainer setzt die Spieler für verschiedene Taktiken ein. Die Spieler laufen auf einem 68 x 105 Meter großen Rasenstück herum, dessen Zustand sich wetterbedingt ändern kann. Hinzu kommt, dass all diese Spieler verschiedene Fähigkeiten im Hinblick auf ihre Kognition aufweisen. Eine Folge davon ist, dass die Mehrfachverarbeitung unerlässlich ist. Ein Spieler hat den Ball. Ein Blick nach links zeigt ihm einen Mitspieler, der sich frei läuft. Er beginnt zu berechnen, wie er den Pass spielen muss, damit der Mitspieler den Ball annehmen kann. Gleichzeitig muss der Spieler einen parallelen Prozess starten; er muss in seinem Arbeitsgedächtnis suchen und frühere Erfahrungen hervorholen, wie bspw. das Laufvermögen des Mitspielers und dessen Fähigkeit, einen Pass bei hoher Geschwindigkeit anzunehmen. Während all das geschieht, wird die Aufmerksamkeit des Spielers auf einen Verteidiger der Gegenmannschaft gelenkt, der sich von rechts nähert, um den Pass zu unterbinden. Jetzt beginnt ein weiterer Prozess; der Spieler berechnet, ob er genug Zeit hat, den Pass zum Mitspieler zu bringen, bevor der Verteidiger Probleme macht. Sie sehen also, die Spieler benötigen eine ziemlich gute Fähigkeit zur Mehrfachverarbeitung.

Der Spieler muss sich jetzt entscheiden, ob er den Ball zu seinem Mitspieler passen soll oder nicht. Wird der Verteidiger in der Lage sein, den Pass zu unterbinden? Jetzt muss der Spieler innehalten und den Prozess des Passens zu seinem Mitspieler anhalten. Aber das ist nicht einfach, da die ganze Maschinerie des Passens bereits angelaufen ist. Signale haben denjenigen Teil des Gehirns erreicht, der für die motorischen Fähigkeiten des Spielers zuständig ist. Auch in dem Teil, der für Standort, Entfernung und sich bewegende Gegenstände zuständig ist, sind Signale eingetroffen. Zahlreiche Informationen wurden dem Gehirn übermittelt, um diesen Pass erfolgreich werden zu lassen; daneben wurden zahlreiche Berechnungen angestellt. Dieser Prozess hat schon viel Energie gekostet. Aber das ist erst der Anfang. Um alles vorzubereiten, braucht man noch mehr Energie. Signale haben auch das sympathische Nervensystem erreicht und aktiviert. Die Muskeln, die an dem Pass beteiligt sind, sollen angeregt werden. Es ist wichtig, dass der Spieler das Gleichgewicht nicht verliert. Das Gehirn hat sich also geöffnet, um Informationen über die Qualität des Rasens einzuholen. Ist der Rasen nass? Ist der Körper des Spielers im richtigen Winkel, um den Ball spielen zu können u.v.m.

Inhibitorische Kontrolle

Die entsprechenden Informationen finden ihren Weg ins Gehirn, damit die Fragen beantwortet werden können. Neue Signale werden an das parasympathische Nervensystem ausgesandt, um diese neuen Informationen über Geschwindigkeit des Spielers, Körperwinkel und Rasenqualität die Muskelspannung zu korrigieren. Schließlich sieht der Spieler noch einmal zu seinem Mitspieler, um herauszufinden, mit welcher Geschwindigkeit und in welchem Winkel er den Ball passen muss. Wie Sie sehen, ist ein Pass zum Mitspieler tatsächlich ein umfangreicher Prozess. Er hat den Spieler schon viel Energie gekostet. Es ist nicht leicht, den Prozess, in den der Spieler schon viel investiert hat, jetzt zu stoppen. Selbst wenn der Spieler objektiv festgestellt hat, dass der Verteidiger der Gegenmannschaft den Pass abfangen wird, bedeutet das nicht, dass er ihn unterlässt. Angesichts all der Investitionen in diesen Pass wünscht sich der Spieler, dass er ankommt. Je mehr wir investiert haben, desto stärker halten wir an unserer Investition fest.

Genauso ist es im Geschäftsleben, beim Kuchen backen oder beim Fußball. Inhibitorische Kontrolle ist vielleicht das Schwierigste am Fußball. Wenn sich der Spieler für eine neue Lösung entscheidet, muss er den Körper überreden, von der Umsetzung der ersten Entscheidung abzusehen. Hierfür benötigt der Spieler eine enorme Fähigkeit, sich auf das endgültige Ziel zu konzentrieren.

Divergente und konvergente Kreativität

Bei seinen Berechnungen stößt der Spieler nun auf ein nächstes großes Problem. Spielt er den Pass, wird der Verteidiger wahrscheinlich den Ball für die gegnerische Mannschaft erobern. Jetzt schaltet sich der kreative Teil der Kognition ein. Welche Optionen hat der Spieler? Kann er zuerst zu einem Dribbling ansetzen, um den Verteidiger loszuwerden? Kann er den Pass härter spielen, damit er schneller wird und den Mitspieler erreicht, bevor ihn der Verteidiger abfangen kann? Grob lässt sie sich in die beiden Kategorien divergente und konvergente Kreativität unterteilen.

Divergente Kreativität ist ein durch keine Grenzen eingeschränkter Schöpfungsakt. Man sieht Dinge aus einem Blickwinkel, der anderen bisher unbekannt war. Man sieht, wie die Dinge in unterschiedlichem Zusammenhang stehen. Das ist die Kreativität, die im Großen wirkt. Die divergente Kreativität ist die Grundlage, auf der neue Ideen entstehen. Diese allgemeine Fähigkeit einzusetzen, ist unschätzbar wertvoll. Die konvergente Kreativität wirkt etwas anders. Hier geht es darum, innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen etwas zu schaffen. Sie müssen eine Lösung finden und aus dem, was Sie besitzen, etwas machen. Das ist operative Kreativität, hier und jetzt. Erfolgreiche Spitzenfußballer haben im Bereich der konvergenten Kreativität extreme Fähigkeiten. Als Gruppe weisen sie eine durchschnittliche Standardabweichung von zwei bis drei über dem Durchschnitt der Normalbevölkerung auf. Nur eine von tausend Personen hat diese Fähigkeit! Für den Erfolg als Fußballer ist das vielleicht die wichtigste Fähigkeit.

Arbeitsgedächtnis

Wir haben uns jetzt mit Aufmerksamkeitsfähigkeit, Umsichtigkeit, kognitive Flexibilität, Mehrfachverarbeitung, Inhibitionsfähigkeit und Kreativität beschäftigt. Die Regeln der exekutiven Funktionen, werden vom exekutiven Arbeitsgedächtnis gesteuert. Das ist die Zentrale, in der alle Informationen zusammenlaufen. Die Eingaben, die wir mit unseren Sinnen gefiltert haben, treffen abhängig von den exekutiven Regeln hier ein. Auch die dem Gedächtnis entnommenen Informationen werden durch die exekutiven Regeln hier eingestellt und mit den neu eingetroffenen Informationen sowie der laufenden Situation in Verbindung gebracht und verglichen. Die Grenzen dessen, wie viele Informationen wir gleichzeitig verarbeiten können, werden von der Leistungsfähigkeit und Schnelligkeit des Arbeitsgedächtnisses gezogen.

Zuerst trifft der Spieler die wichtige Auswahl, worauf er sich konzentrieren soll. Damit folgt er den Regeln der exekutiven Funktionen. Danach werden die Informationen in das Arbeitsgedächtnis transportiert, wo der Spieler alle Informationen über die laufende Situation verarbeitet und mit Erfahrungen aus der Vergangenheit verknüpft. Dann muss der Spieler diejenigen Informationen auswählen, die am wichtigsten sind. Im Arbeitsgedächtnis, führt der Spieler eine Analyse durch und stellt Informationen aus den Erfahrungen früherer Spiele zusammen. Dabei geht es um die Fähigkeiten des Gegenspielers  und wie lautet nochmal die taktische Grundausrichtung? Was alles noch schwerer macht, ist die Tatsache, dass Fußball ein dynamischer Sport ist. Während das Arbeitsgedächtnis die Informationen zur Kenntnis nimmt, muss es gleichzeitig ständig aktualisieren und neue Informationen hinzufügen. Reichen Schnelligkeit und Kapazität des Arbeitsgedächtnisses nicht aus, ist der Spieler überfordert und nicht mehr in der Lage, den stetigen Informationsfluss zu bewältigen. Somit verliert er die früheren Informationen bzw. die Fähigkeit, eine Analyse durchzuführen.

Der Mensch – ab und zu überfordert wie ein Computer

Das menschliche Arbeitsgedächtnis gleicht dem Arbeitsspeicher eines Computers. Wenn der zu klein ist, kann der Computer keine simultanen Verarbeitungen in verschiedenen Programmen ohne Verzögerung durchführen. Mit den Menschen ist es genauso. Sind Kapazität und Schnelligkeit des Arbeitsgedächtnisses zu knapp bemessen, wird der Spieler mit der großen Menge schnell eintreffender Informationen für die Entscheidungsfindung nicht mehr fertig.

Wie berichtet, bestand der erste Plan des ballführenden Spielers darin, einen Pass zu einem Mitspieler zu schlagen. Dann erschien ein Verteidiger der gegnerischen Mannschaft und der Spieler musste seine Entscheidung überdenken. Durch Kreativität kam der Spieler auf die Idee, den Verteidiger auszuspielen. Doch anhand einer weiteren Berechnung stellte der Spieler fest, dass das zu riskant wäre. Die vom episodischen Gedächtnis ans Arbeitsgedächtnis übermittelten Informationen sagten dem Spieler, dass er beim letzten Mal, als er auf den Verteidiger traf, fast jede Eins-zu-eins-Situation verloren hat. Jetzt werden Alternativsignale ausgesandt. Die Umgebung wird nach einem anderen als Anspielstation in Frage kommenden Mitspieler abgesucht. Zu seiner Rechten hört der Spieler einen seiner Mitspieler rufen: „Zu mir!“ Aus seinem Arbeitsgedächtnis holt der Spieler die Information, dass er kurz vor seiner Entscheidung, nach links spielen möchte. Dort steht ein besser positionierter Außenstürmer. Aus dem Arbeitsgedächtnis erhält der ballführende Spieler außerdem die Information, dass in dem Bereich, in dem sich der Außenstürmer jetzt aufhält, kein Verteidiger war. Selbst wenn also der ballführende Spieler die gegenwärtige Position noch nicht visuell überprüft hat, kann er ziemlich sicher sein, dass er anspielbar ist. Er entscheidet sich daher für den Pass auf den Außenstürmer.

Fazit:

Wenn alles passt, kommt der Ball also beim Mitspieler an. So einfach und doch so unheimlich komplex. Und weshalb ist dieses theoretische Wissen in der Praxis sinnvoll? Weil es sich mit vergleichsweise einfachen Methoden –  OK, es ist komplexer als 4-gegen-2 – ins Training integrieren lässt und die Spieler besser macht.

Wir wissen, wie man die Muskelkraft stärkt und den Spieler technisch sowie taktisch schult. Doch wenn man Spieler in die Lage versetze will, die oberste Stufe ihrer Spielintelligenz zu erreichen, muss man tiefer gehen. Dabei sollten die Exekutivfunktionen und die kognitiven Fähigkeiten eines Spielers zu Rate gezogen werden. Beispielhaft habe ich Ihnen hier ausgewählte Übungen zusammengefasst.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Praktische Einheit nach Matthias Nowak & Torbjörn Vestberg:

Fintieren nach verschlüsselten Trainerkommandos: “Clevere-Finten“ verlangen von den Spielern einiges mehr, denn sie sollen nicht nur eine Finte ausführen. Auf Zuruf sollen sie dann eine von diesen Finten ausführen. Auch das wäre noch zu einfach, deshalb können Sie den Zuruf verschlüsseln und die Spieler müssen kombinieren, zunächst im Kopf und dann mit den Beinen. Vom Kopf in den Fuß gespielt, verlangt nicht immer nur den klugen Einsatz der Spieler, auch Sie als Trainer sind gefordert. Gute Vorbereitung auf die Übungsinhalte und das Einbringen ihrer eigenen Ideen, lassen die Übungen zu Highlights werden.

Überlegen Sie, welche Finten Sie von ihrem Team verlangen können und den Spielern müssen die Namen der Finten geläufig sein. Hier kann es nur Beispiele geben, ob Ihre Spieler diese beherrschen, können nur Sie wissen.

Organisation:

A – Ein abgestecktes Fintenquadrat als Übungsfeld, die Größe ist abhängig von der Spieleranzahl

  • Jeder Spieler hat einen Ball zur Verfügung

So geht’s:

Deutlich wird der Ablauf mit einem Beispiel. Unser Trainer hat sich bei den Zurufen für Städtenamen entschieden. Diese Städtenamen hat er sich vor Trainingsbeginn genau überlegt und verinnerlicht, damit es keine unpassenden Zurufe gibt. Im Warm-up Dribbel-Quadrat trainieren die Spieler zunächst, welcher Buchstabe für welche Finte steht, damit im  Übungsverlauf keine Missverständnisse auftreten.

Zum Beispiel:

D = Ausfallschritt

I = Rivelino

E = Schere

M = Ronaldo

B – Die Spieler bewegen sich mit freiem Dribbling im Übungsquadrat

C – Der Trainer ruft „Dortmund“, die Spieler führen folgende Finten aus und zwar genau in der Reihenfolge:

 

„DORTMUND!

D = Ausfallschritt

M = Ronaldo

D = Ausfallschritt

Das Ganze soll natürlich schnellstmöglich ausgeführt werden.

Hier noch ein weiteres Beispiel, der Trainer ruft und folgende Finten

sind in dieser Folge zu absolvieren:

 

„BERLIN“

E = Schere

I = Rivelino

Varianten:

  • Weitere Finten bzw. Ausführungsarten bestimmen. Reduziere zum

Beispiel die Anzahl der Finten auf 3 Finten, dafür wird mit 6 Buchstaben gearbeitet. Jeder Buchstabe steht dabei für die Ausführung entweder mit dem rechten oder linken Fuß

  • Schwierige Städtenamen wählen
  • Im Übungsablauf die Buchstabenzuweisung der Finten ändern
  • Die Spieler müssen laut vor der Ausführung der Finten die Gesamtzahl an Buchstaben rufen, die im Städtenamen vorkommen

 

  • Ländernamen nennen und dabei wird nur der letzte Buchstabe als Trickbewegung ausgeführt
  • Jetzt von rechts nach links scannen
  • Wir nennen jetzt zwei Städtenamen so zeitversetzt, dass bei Zuruf des zweiten Städtenamens die Spieler wechseln sollen. Bedeutet, die Spieler beenden sofort ihre Aufgabe mit der „Abarbeitung“ der ersten Stadt beginnen zügig mit der Anforderung für die neue Aufgabe. In der erstgenannten Stadt sollten immer mindestens 2 Finten-Buchstaben zur Verfügung stehen
  • Zuerst führen die Spieler die im Städtenamen enthaltenen Finten aus und anschließend sofort die Finten, die im Namen nicht enthalten sind.

Beispiel: Der Trainer ruft „BERLIN“. Die Spieler sollen dann zuerst die Schere (E) , dann den Rivelino (I) und anschließend den Ronaldo und den Ausfallschritt ausführen. Die Reihenfolge in der Abarbeitung bei den beiden letzten Finten ist dabei egal

 

Coaching-Tipps:

  • Die Städtenamen hast du dir bereits vor dem Training gut überlegt. Beginne mit kurzen Namen, „GARMISCH-PATENKIRCHEN“ kommt später 😉
  • Am Anfang zeitliche Abstände zwischen den Ansagen je nach Leistungsstand beachten

 

Literatur

  1. Memmert, D. (2011) Creativity, expertise, and attention: Exploring their development

an their relationships. Journal of Sport Science, 29 (1): 93-102.

  1. Casanova, F., Oliveira, J., & Williams, M. (2009) Expertise and perceptual-cognitive

performance in soccer: a review. Rev. Port. Cien. Desp. 9(1): 115-122.

  1. Mann, D.T., Williams, A.M., Ward, P., & Janelle, C.M. (2007) Perceptual-cognitive

expertise in sport: a meta-analysis. Journal of Sport and Exercise Psychology, 29(4): 457-478.

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