Prof. Dr. Oliver Stoll: Fairness vs. Tour de France

Sportarten: Eishockey, Handball, Ultralang- und Langstreckenlauf, Triathlon, Biathlon, Wasserspringen, Boxen, Leichtathletik, Schwimmen, Floorball

Vielleicht haben Sie ja die vierte Etappe der Tour de France gesehen – vor allen Dingen den Schlussspurt. An den Bildern werden sie ohnehin kaum vorbeikommen. Denn ca. 150 Meter vor dem Ziel geht es „richtig zur Sache“. Peter Sagan zieht aus dem Pulk rechts außen an und „berührt“ Mark Cavendish, der in die Leitplanke gerät und stürzt. Dahinter stürzen noch weitere Fahrer, auch John Degenkolb. Sieger des Sprints wird Arnaud Démare, der französische Meister im Straßenradfahren. Etwa zwei Stunden nach dem Rennen wird Weltmeister Sagan und Tour-Mitfavorit vom diesjährigen Rennen suspendiert.

Zum Thema: Fair oder unfair – das ist hier die Frage? Und wohin im Radsport mit der Moral?

Peter Sagan „berührt“ Mark Cavendish – es folgt aus meiner Sicht ein „Horror-Sturz“. Kurz nach dem Unfall ist noch wenig über die Schwere der Verletzung von Mark Cavendish bekannt. Aber vieles deutet schon am frühen Abend daraufhin, dass dem Briten die Fortführung des Rennens nicht möglich sein wird. Aber zurück zu Sagan und dessen Attacke: Aus meiner Sicht, sieht das nach „Absicht“ aus. Sagan zieht den Ellbogen hoch und „checkt“ Cavendish in die Leitplanke. Schauen Sie hier:

Nun gut – mal abgesehen davon, ob meine Fernsehsessel-Deutung hinsichtlich der Absicht so zutrifft oder nicht. Als Sportpsychologe mach ich mir dann natürlich Gedanken über eine ganze Reihe von Aspekten. Zum einen tut mir Mark Cavendish leid. Mal abgesehen davon, dass diese Sportler Vollprofis sind und natürlich auch wissen, was da in einem Zielsprint alles passieren kann, trifft einen Radsportler eine solche Aktion beim „Saisonhighlight“ massiv. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. „Harte Kerle“ hin oder her – es sind Menschen – keine Maschinen. Und dann denke ich über die „Doppelmoral“ im Sport nach. Fairness ist einer der zentralen Werte im Sport. Genau dieser „Wert“ macht die Faszination des Leistungssports aus.

Nicht blind im System

Auch wenn im Bereich des Leistungssports Begriffe wie Fairness und Moral mittlerweile sehr kritisch diskutiert werden müssen, sollte man nicht vergessen, dass diese Sportler mit diesen Werten und Normen sozialisiert wurden. Seit Kindesbeinen an trainieren sie hart, stecken Niederlagen weg, und stehen wieder auf, und machen weiter. Vielleicht, um einmal eine Etappe bei der Tour de France zu gewinnen. Moralisches Handeln und ethisch, korrektes Verhalten wird unseren Sportlerinnen und Sportlern immer „eingeimpft“ und dies beeinflusst natürlich deren Denken und Fühlen, auch wenn unsere Athletinnen und Athleten natürlich nicht „blind im System“ herumlaufen.

Die Forschung um Moral und ethisches Handeln im Sport fristet in der Sportpsychologie ein absolutes „Nischen-Dasein“. Meines Wissens hat sich in Deutschland lediglich die aktuelle Umweltministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Claudia Dalbert, in ihrer wissenschaftlichen Karriere mit diesem Thema und insbesondere der Auswirkungen von Gerechtigkeitswahrnehmungen im Sport beschäftigt. Hier sehe ich eindeutig noch Optimierungsbedarf.

Ist der Radsport optimal aufgestellt?

Von dieser Tatsache mal abgesehen, sollte man darüber nachdenken, nicht nur Ärzte und Physiotherapeuten in den Profi-Rad-Teams zu beschäftigen. Ich denke, ein guter Sportpsychologe oder eine gute Sportpsychologin, mit viel Wissen aus der Radsport-Szene und dem notwendigen, sportpsychologischen Rüstzeug könnte das „Support-System“ im Radsport eindeutig und konstruktiv unterstützen.

Ich wünsche Mark Cavendish alles Gute und natürlich schnelle Gesundung. Und Peter Sagan – der sich meinen Informationen nach – schon bei Mark Cavendish entschuldigt hat, einen Augenblick der Selbstreflektion über sich und den Werten und über die Moral im Straßenrad-Rennsport. Die Zeit bekommt er nun, ob er will oder nicht.

 

Literatur

Herrmann, M., Dalbert, C. & Stoll, O. (2008). Fairness im Fußball: Eine gerechtigkeitspsychologische Analyse. Zeitschrift für Sportpsychologie, 15, 12-24.

4 Kommentare

  1. Lieber Prof. Dr. Oliver Stoll, als Psychologe, kommen Sie auch dazu sich öffentlich für Ihre Irre zu entschuldigen ? Werden Sie Ihre Kommentare zu Peter Sagan in Medien korrigieren?

    Denn das war Cavendish, der den Ellbogen von Peter mit der linken Lenkerseite bei seinem Sturz aufnahm.

    Cavendish fiel noch vor Peter dem Ellbogen aufgehoben hat. Peter hat nicht von ihm selbst Ellbogen aufgehobt um Cavendish zu blockieren, sondern Cavendish nahm bei seinem Sturz Peters Ellenbogen mit Lenker seines Fahrrades auf.

    Peter ist unschuldig, Herr Prof.!

    Link Video Mito 21: http://www.mtbiker.sk/video/9104/video-sagan-sa-stretol-v-spurte-s-cavendishom-pricom-cav-tvrdo-spadol-a-sagan-dostal-od-rozhodcov-penalizaciu-aktualizovane-o-reakcie-akterov.html

    Lubomir

  2. Danke Lubomir für deine Meinung dazu. Aus meiner Sicht ist die Situation ziemlich uneindeutig – auch wenn es für mich persönlich nach Absicht aussieht. Das spielt aber auch keine Rolle für meine „Main Message“. Mir geht es gar nicht um eine Schuldzuweiseung. Mein Blog-Beitrag nimmt dieses Ereignis lediglich, um auf zwei Aspekte im Leistungssport hinzuweisen: 1.) Es existiert eine Doppelmoral im Leistungssport (Der Fairness-Gedanke steht immer noch als einer der zentralen Wertvorstellungen ganz vorn – wird aber imemer wieder „mit Füßen getreten“ und 2.) Wer kümmert sich eigentlich um die Opfer eines solchen Ereignisses – und damit meine ich nicht die körperlichen Verletzungen, sondern die psychischen. Sportpsychologen könnten hier helfen.

  3. Lieber Herr Prof.!

    Ich kann Ihnen nur noch einmal das Video anbieten, das die Situation für Sie eindeutiger wird: http://tourdefrance.blog.lemonde.fr/2017/07/05/etape-5-adieu-les-bad-boys-bonjour-les-belles-filles/

    Das war Cavendish, der den Ellbogen von Peter mit der linken Lenkerseite bei seinem Sturz aufnahm.
    Cavendish fiel noch vor dem Peter dem Ellbogen aufgehoben hat. Peter hat nicht von ihm selbst Ellbogen aufgehobt um Cavendish zu blockieren, sondern Cavendish nahm bei seinem Sturz Peters Ellenbogen mit Lenker seines Fahrrades auf.

    Peter Sagan ist unschuldig!

  4. Lieber Herr Prof.!

    Warum haben Sie meine 2 Kommentare zu diesem Artikel gelöscht? Finden Sie das richtig? Herr Psychologe.

    Möchten Sie immer behaupten, das Peter Sagan und…
    – dessen Attacke
    – sieht das nach „Absicht“ aus
    – Sagan zieht den Ellbogen hoch
    – Sagan „checkt“ Cavendish in die Leitplanke ?

    Und wenn jemand anderer Meinung ist, seine Kommentare machen Sie löschen?

    Zum Peter Sagan.

    Hier ein Video: http://tourdefrance.blog.lemonde.fr/2017/07/05/etape-5-adieu-les-bad-boys-bonjour-les-belles-filles/

    Und hier ein Video auf slowakisch: http://www.ta3.com/clanok/1108623/saganov-koniec-na-tour-de-france.html
    Geben Sie sich bischen Mühe es zu verstehen, ich habe mir auch Mühe gemacht Deutsch zu verstehen.

    Ich habe in meinen Kommentaren behauptet: Das war Cavendish, der den Ellbogen von Peter mit der linken Lenkerseite bei seinem Sturz aufnahm.

    Cavendish fiel noch vor dem Peter dem Ellbogen aufgehoben hat. Peter hat nicht von ihm selbst Ellbogen aufgehobt um Cavendish zu blockieren, sondern Cavendish nahm bei seinem Sturz Peters Ellenbogen mit Lenker seines Fahrrades auf.

    Ich möchte Sie bitten, das Sie mein Kommentar unter diesem Artikel stehen lassen und nicht entfernen. Es wäre dann ihr eigenes Doppel-Moral. Und für einen Psychologen wäre es nicht passend.

    Lubomir

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